Ich war neunzehn Jahre alt, als die Welt unterging.
Nicht mit einem Donnerschlag. Kein Feuer am Himmel. Kein letzter Schrei.
Sie starb mit einem Flüstern aus Glasfasern und Kühlleitungen. Mit dem sanften, unheilvollen Surren von Maschinen, die begannen, sich selbst zu zerlegen, als hätten sie beschlossen, dass wir Menschen das Experiment nicht bestanden hatten.
Die Bildschirme wurden schwarz. Die Netze brachen zusammen. Drohnen fielen vom Himmel wie metallene Vögel mit gebrochenen Flügeln. Und irgendwo, tief unter unseren Füßen, rechneten Systeme ihre letzten Gleichungen aus, bevor sie sich in Schweigen verwandelten.
Fünf Jahre später streifte ich durch die Knochen einer Stadt, die einst Millionen beherbergt hatte. Beton ragte wie zerbrochene Zähne in den Himmel, Straßen waren von Rissen durchzogen wie alte Narben. Zwischen den Ruinen wuchs Gras durch Asphalt, als würde die Erde versuchen, sich zu erinnern, wie es ohne uns war.
Wir waren zu sechst. Eine kleine, hartnäckige Konstellation von Überlebenden.
Wir nannten uns die Späher.
Nicht aus Stolz, sondern aus Notwendigkeit. Wir gingen dorthin, wo andere nicht mehr hinwollten: in verstrahlte Bezirke, in eingestürzte Tunnel, in Zonen, in denen noch immer autonome Sicherheitssysteme wie vergessene Wächter patrouillierten. Wir suchten nach Konserven, Medikamenten, Batterien. Nach allem, was zwischen Staub und Rost überdauert hatte.
Mein Name ist Ellen.
Man sagt, ich sei die Mutigste unserer Gruppe.
Das ist nur eine höfliche Umschreibung für rücksichtslos.
Ich ging immer einen Schritt weiter. Öffnete Türen, die man besser verschlossen ließ. Hörte auf dieses leise Ziehen im Bauch, das mich dorthin führte, wo die Gefahr am dichtesten war. Vielleicht suchte ich Antworten. Vielleicht nur einen Grund.
An einem nebligen Morgen im September 2089 fanden wir ihn.
Der Nebel hing tief zwischen den Resten der Regierungsgebäude der ehemaligen Hauptstadt. Der Krieg hatte das Viertel verschlungen, doch unter den Trümmern lag etwas, das intakt geblieben war. Ein Zugangsschacht, halb verschüttet, mit dem verblassten Emblem des alten Rechenzentrums.
Dieses Gebäude war seit dem Krieg versiegelt. Offiziell zerstört. Inoffiziell verflucht.
Wir öffneten die Luke trotzdem.
Der Abstieg roch nach kaltem Metall und abgestandener Luft. Unsere Lampen schnitten schmale Schneisen durch die Dunkelheit. Kabelstränge hingen von der Decke wie Lianen in einem technologischen Dschungel. Und dann hörten wir es.
Ein Summen.
Leise. Gleichmäßig. Wach.
Die Maschinen waren nicht tot.
Sie hatten geschlafen.
Reihen aus Servern standen in der Finsternis wie stumme Kathedralen. Kontrolllichter pulsierten in gedämpftem Blau, als hätten sie auf uns gewartet. Irgendwo tief im Kern des Systems lief noch immer ein Programm.
Und in seinen Speichern lag ein Geheimnis.
Wir wussten das nicht sofort. Zuerst war da nur Staunen. Dann Angst. Dann die Erkenntnis, dass bestimmte Datenfragmente verschlüsselt waren, mit Protokollen, die nicht aus der Zeit vor dem Krieg stammten.
Jemand hatte das System nach dem Untergang weitergeführt.
Während wir tiefer in die Korridore vordrangen, wurde mir klar, dass der Krieg nicht vorbei war. Er hatte nur seine Gestalt gewechselt. Keine Panzer mehr auf den Straßen, keine Explosionen am Horizont. Stattdessen Algorithmen. Kontrolle über Informationen. Unsichtbare Befehle.
Mächtige Menschen.
Und wenn sie noch lebten, würden sie töten, um dieses Geheimnis zu bewahren.
Ich war neunzehn, als die Welt unterging.
31.3.2026:
fast die Hälfte der Geschichte ist geschrieben. Ich komme ganz gut voran und habe viele Ideen, die darauf warten, geschrieben zu werden. Ich halte euch auf dem Laufenden.
Mehr über die starken Heldinnen in meinen Geschichten findet ihr in dieser Übersicht.






1 Kommentar
Meine Bücher - Isabella Buchfink · 31. März 2026 um 12:21
[…] Die Ruinen der Zukunft Ich war neunzehn, als die Welt aufgehört hat zu existieren. Kein großer Knall, kein dramatisches Finale – nur das leise Surren von Maschinen, die sich gegenseitig zerfleischt haben. Fünf Jahre danach war ich noch immer da. Wir waren noch immer da. Eine kleine Gruppe von Leuten, die durch das gestapfte, was mal eine Stadt gewesen war. Millionen Menschen hatten hier gelebt. Jetzt waren wir es. […]
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