Orin fand sie am Morgen des zweiten Tags.

Das war zumindest, wie Miriam es nannte – den zweiten Tag –, obwohl sie nicht sicher war, ob Tage noch eine brauchbare Einheit waren. Die Stadt hatte kein verlässliches Licht mehr, kein gleichmäßiges Werden und Vergehen des Himmels, sondern ein Wechseln zwischen Helligkeiten, das keinem Rhythmus folgte, den sie kannte. Manchmal war es Morgen in einer Schicht und Nacht in der anderen, und die Straße, auf der sie stand, war gleichzeitig grau und golden und dunkel.

Aber sie nannte es den zweiten Tag, weil sie irgendwo anfangen musste.

Orin klopfte – tatsächlich klopfte, mit dem Knöchel, zweimal, wie jemand, der die Form für wichtig hält. Er trug neue Kleidung oder dieselbe Kleidung wie gestern, das war schwer zu sagen. Er hielt zwei Becher Kaffee in der Hand, von denen einer dampfte und einer nicht.

»Der dampfende ist deiner«, sagte er.

Miriam ließ ihn rein.

Sie tranken den Kaffee am Fenster, nebeneinander, und schauten auf die Straße, die sich unten in ihrem üblichen Rhythmus umschrieb. Orin trank, ohne die Stadt groß zu beachten. Miriam trank und beobachtete ihn dabei.

»Du hast gefragt, wer ich bin«, sagte sie schließlich.

»Gestern.«

»Du hast es nicht beantwortet.«

»Ich habe gefragt, welche Version du bist.« Er trank. »Das ist nicht dieselbe Frage.«

Miriam schaute auf die Straße.

»Und? Welche bin ich?«

»Ich weiß es noch nicht.« Er sagte es ohne Entschuldigung, ohne Beschönigung – als wäre ich weiß es noch nicht eine vollständige und akzeptable Antwort. »Aber ich habe einen Verdacht.«

»Welchen?«

Er schaute sie von der Seite an. »Dass du die bist, die ich nicht erwartet habe.«

* * *

Sie gingen hinaus, weil Miriam nicht länger in der Wohnung sein wollte.

Die Wohnung hatte ihre drei Zustände die Nacht über behalten – keine Verbesserung, keine Verschlechterung, einfach das stille Nebeneinander von leer, bewohnt, verfallen –, und Miriam hatte auf dem Boden des Schlafzimmers ein paar Stunden Schlaf gefunden, unruhig und ohne Tiefe, durchsetzt von Träumen, die sich beim Aufwachen sofort auflösten und nur ein Gefühl hinterließen: das Gefühl, beobachtet worden zu sein.

Auf der Straße war es einfacher. Bewegung half.

Orin lief neben ihr, die Hände in den Taschen, den Blick in einem mittleren Abstand, der Entfernung und Gegenwart gleichzeitig erfasste – der Blick von jemandem, der gelernt hat, alles zu sehen, ohne sich von allem beeinflussen zu lassen.

»Wo wollen wir hin?«, fragte Miriam.

»Nirgendwo bestimmtes.« Er wich einer Gestalt aus, die in einer anderen Zeitschicht an ihm vorbeiging – transparent, lautlos, in Kleidung aus einer anderen Dekade. »Bewegung ist besser als Stillstand. In Stillstand sammeln sich die Anomalien.«

»Wie Staub.«

»Ungefähr.«

Sie liefen.

Die Stadt zeigte ihr übriges Repertoire: eine Kreuzung, an der Vergangenheit und Zukunft des Pflasters so dicht übereinanderlagen, dass das Gehen sich anfühlte wie Waten. Ein Haus, das mitten im Gespräch die Fassade wechselte – nicht laut, nicht dramatisch, einfach ein anderes Grau, andere Fensterrahmen, die Klingelanlage auf einmal rechts statt links. Eine Frau, die in einer Schicht stand und weinte und in einer anderen stand und lachte und in einer dritten gar nicht da war, und alle drei Versionen überlagerten sich zu etwas, dem Miriam keinen Namen geben konnte.

»Die Vergessene?«, fragte sie.

Orin schaute hin. »Nein. Noch nicht. Sie hat noch alle drei Schichten. Vergessene verlieren zuerst die Zukunft, dann die Gegenwart. Was übrig bleibt, ist Schleife.«

»Wie der Mann im Labor.«

»Ja.«

Miriam schaute noch einmal zu der Frau zurück. Drei Emotionen gleichzeitig, die nichts voneinander wussten.

»Können wir ihr helfen?«

»Jetzt nicht.« Orin lief weiter. »Wenn wir das Problem nicht an der Wurzel lösen, hilft helfen nichts. Die Schichten wachsen weiter auseinander, egal was wir tun.«

»Und die Wurzel-«

»Ist das, wofür wir gerade keine Zeit haben.« Er schaute kurz über die Schulter, auf Miriam, dann geradeaus. »Noch nicht.«

* * *

Sie hörten ihn, bevor sie ihn sahen.

Nicht hörten im Sinne von Schritten oder Stimme – hörten im Sinne von etwas, das schwer zu benennen war, eine Verdichtung der Luft, ein Moment, in dem die überlagerten Zeitschichten kurz aufhörten, sich zu bewegen. Als würde jemand Pause drücken. Als würde die Stadt Atem holen.

Miriam blieb stehen.

Orin blieb eine halbe Sekunde später stehen. Was bedeutete, dass er es auch gespürt hatte und es nicht zugeben wollte.

Sie standen auf dem Rand eines Platzes – ein unregelmäßiges Viereck, in mehreren Zeitschichten gleichzeitig, mit einem Brunnen in der Mitte, der trocken war und voll und überwuchert und neu, alles auf einmal. Die Häuser ringsherum hielten sich vergleichsweise ruhig, als wäre dieser Platz ein Ort, an dem die Zeitschichten beschlossen hatten, höflicher zu sein.

Auf einer der Bänke saß ein Mann.

Nein.

Auf der Bank saßen drei Männer.

Nein.

Auf der Bank saß ein Mann in drei Versionen seiner selbst.

* * *

Der jüngste war vielleicht dreißig. Schmal, dunkles Haar, das etwas zu lang war, in Kleidung, die sorglos wirkte, aber es nicht war – die Art von Sorglosigkeit, die man übt. Er saß mit dem Rücken gerade und den Händen locker auf den Knien, und er schaute in eine Richtung, die nicht ganz die war, in die die anderen beiden schauten.

Der mittlere war Mitte vierzig, vielleicht Ende vierzig, mit demselben dunklen Haar, aber kürzer jetzt, und den ersten Grautönen an den Schläfen. Er trug etwas Dunkleres, Schwereres, als hätte er aufgehört, Sorglosigkeit zu üben, und etwas anderes gefunden, das besser zu ihm passte. Sein Blick war weiter, ruhiger, mit der Qualität von jemandem, der lange genug geschaut hat, um das Wesentliche vom Rest zu trennen.

Der älteste war siebzig oder mehr, mit weißem Haar und einem Gesicht, in das sehr viel Zeit eingraviert worden war – nicht verwittert, sondern präzise, als hätte jede Falte etwas bedeutet und die Zeit hätte sich die Mühe gemacht, es zu notieren. Er saß am stillsten von den dreien, die Hände gefaltet, und er schaute geradeaus, auf nichts und alles.

Alle drei waren transparent. Alle drei überlagerten sich. Alle drei saßen auf derselben Bank, in demselben Moment, und doch war es nicht dasselbe – es war drei Momente, drei Leben, drei Versionen einer Existenz, die sich geweigert hatte, linear zu verlaufen.

Caelan Veyne, formte sich das Wort in Miriam, bevor sie sich entschieden hatte zu denken.

Sie wusste nicht, woher sie den Namen hatte.

Aber sie wusste, dass er stimmte.

* * *

»Geh nicht näher ran«, sagte Orin neben ihr.

Er sagte es leise, ohne Panik, aber mit einem Unterton, den Miriam noch nicht von ihm gehört hatte – nicht Angst, aber etwas Verwandtes, eine Vorsicht, die aus Erfahrung stammte und nicht aus Berechnung.

»Du kennst ihn«, sagte Miriam.

»Ich weiß, wer er ist.«

»Das ist nicht dasselbe.«

Orin schaute sie kurz an. »Nein«, gab er zu. »Das ist nicht dasselbe.«

Die drei Versionen von Caelan Veyne hatten sie noch nicht bemerkt – oder taten so, als hätten sie sie nicht bemerkt, was bei jemandem, der in allen Zeiten gleichzeitig existierte, möglicherweise dieselbe Sache war. Die jüngste Version schaute in die eine Richtung, die mittlere weiter, der Alte geradeaus.

Miriam trat einen Schritt vor.

»Miriam-«

Einen zweiten.

Orin blieb, wo er war, aber sein Schweigen war laut.

* * *

Beim dritten Schritt hoben alle drei Köpfe gleichzeitig.

Es war kein dramatisches Heben – kein Ruck, keine Überraschung. Eher die Bewegung von jemandem, der gewartet hat, dass der richtige Moment kommt, und nun feststellt, dass er es ist. Alle drei schauten sie an, mit unterschiedlichen Augen, die dieselben Augen waren: dunkel, ruhig, mit einem Ausdruck darin, für den Miriam kein gutes Wort hatte. Nicht Freundlichkeit, nicht Kälte. Etwas dazwischen, etwas, das sich auf Distanz hält, aber Abstand nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt.

Dann sprachen sie.

Nicht nacheinander. Gleichzeitig, und doch nicht als Chor – die drei Stimmen liefen auf denselben Satz zu, aber von unterschiedlichen Richtungen, in unterschiedlichen Tonlagen, und das Ergebnis war kein Durcheinander, sondern etwas, das seltsam vollständig klang, wie ein Akkord, der aus drei Tönen besteht und trotzdem nur eine Note meint:

»Du hast länger gebraucht, als ich dachte.«

Miriam blieb stehen.

»Wir kennen uns nicht«, sagte sie.

»Nein«, sagten die drei. Die jüngste Version fügte hinzu: »Noch nicht.« Die mittlere: »Schon lange.« Die älteste: »Es kommt darauf an.«

Alle drei Antworten gleichzeitig, auf denselben Satz.

Miriam ließ das einen Moment wirken.

»Caelan Veyne«, sagte sie.

Die jüngste Version lächelte. Die mittlere nicht. Der Alte schaute sie an, ohne seinen Ausdruck zu verändern, aber mit einer Intensität, die sich schwer ignorieren ließ.

»Du weißt, wer ich bin«, sagten sie. Dann, nur die jüngste Stimme: »Interessant.«

* * *

Er stand auf.

Alle drei standen auf, synchron, und für einen Moment war es so, als wären sie tatsächlich eine Person – die Bewegung war dieselbe, der Rhythmus derselbe –, bevor die Schichten wieder auseinanderfielen und drei unterschiedliche Körper vor ihr standen, die sich auf drei leicht unterschiedliche Arten in die Senkrechte erhoben hatten.

Die jüngste Version war größer als erwartet. Die mittlere hatte eine Art, die Schultern zu halten, die auf etwas Schweres hindeutete, das lange getragen worden war. Der Alte war kleiner als die anderen beiden, oder er wirkte kleiner, weil er nicht die Energie aufwendete, Größe zu demonstrieren.

»Was willst du von mir?«, fragte Miriam.

»Im Moment?« Die mittlere Version trat einen Schritt vor – die anderen blieben, wo sie waren, und das Ergebnis war eine seltsame Tiefenstaffelung, eine Version hinter der nächsten, wie eine Reihe von Spiegelbildern, die nicht ganz übereinstimmten. »Nichts. Ich wollte sehen, wie du aussiehst, wenn du weißt, dass du verloren bist, und es noch nicht zugegeben hast.«

»Ich bin nicht verloren.«

»Nein?« Ein kleines Lächeln, das den mittleren Caelan kurz veränderte, einen Moment lang öffnete, bevor es wieder verschwand. »Du weißt nicht, wer du bist. Du weißt nicht, was du getan hast. Du weißt nicht, ob deine Erinnerungen dir gehören.« Pause. »Wie würdest du das nennen?«

Miriam sagte nichts.

Er ließ die Stille stehen, ohne sie zu drängen. Das war, bemerkte sie, eine Fähigkeit – die Bereitschaft, Schweigen zu lassen, ohne hineinzureden.

»Ich nenne es Ausgangspunkt«, sagte sie schließlich.

Diesmal lächelten alle drei.

* * *

»Komm«, sagte die jüngste Version, und ging.

Die anderen folgten – oder entstanden einen Schritt vor, je nachdem, von welcher Zeitschicht aus man es betrachtete. Miriam schaute kurz zurück zu Orin, der am Rand des Platzes stand, die Arme verschränkt, den Ausdruck von jemandem, der mehrere Argumente gleichzeitig gegen etwas hat und weiß, dass sie alle nichts nutzen werden.

Sie folgte Caelan.

Er führte sie durch die Stadt, durch Gassen, die Miriam nicht kannte, obwohl sie das Gefühl hatte, sie kennen zu müssen. Die Stadt reagierte auf ihn anders als auf sie – nicht freundlich, aber respektvoll, wenn das das richtige Wort war, ein Respekt, der eher Vorsicht war, das Verhalten von etwas Großem vor etwas, das noch größer ist. Die Zeitschichten ordneten sich in seiner Nähe nicht, aber sie hörten auf, sich zu überlappen. Es war, als würden sie Abstand halten.

»Du weißt, was passiert ist«, sagte Miriam, während sie gingen.

»Ich weiß, was passiert ist«, bestätigte die mittlere Version, ohne sich umzudrehen.

»Dann sag es mir.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil es nichts nützt.« Er schaute über die Schulter, kurz. »Was ich dir sagen kann, wird zu dem, was du tust. Was du tust, wird zu dem, was passiert. Was passiert, ist das, was ich dir sagen kann. Der Kreis ist bereits geschlossen – ich kann dir nur zeigen, wie du einen Schritt machst, nicht wohin er führt.«

Miriam dachte an Miras Diagramme. Die Linien, die sich zurückbogen. Die Kreise, die keinen Anfang hatten.

»Du kennst Mira Asher«, sagte sie. Keine Frage.

»Ich kenne viele Versionen von ihr.« Die jüngste Stimme diesmal, etwas leiser. »Einige besser als andere.«

* * *

Sie kamen auf einen Platz, der sich von dem ersten unterschied – kleiner, unregelmäßiger, mit einem Café auf der einen Seite, das in manchen Schichten geöffnet war und in anderen nicht. In der Mitte des Platzes war eine Szene.

Miriam blieb stehen.

Eine Szene war das falsche Wort. Es war dieselbe Szene, endlos. Vier Menschen an einem Tisch, draußen, ein Sonnenschirm, ein Gespräch – sie konnte es nicht hören, aber die Körpersprache war klar: Entspannung, Lachen, das Beieinander von Menschen, die nichts Besonderes vorhaben. Einer der vier hob ein Glas. Alle vier tranken. Einer der vier hob ein Glas. Alle vier tranken. Einer der vier-

»Sie hören nicht auf«, sagte Miriam.

»Nein.« Die älteste Version trat neben sie. Nah genug, dass Miriam die Präsenz spüren konnte – etwas Schweres, Ruhiges, das Gewicht von sehr viel Zeit in einem Körper. »Sie wissen es nicht. Die Schleife ist komfortabel. Sie haben einen guten Moment gefunden und bleiben darin.«

»Das klingt nicht so schlimm.«

»Es ist der Anfang vom Vergessen.« Er schaute auf die vier. »Wer sich nur noch in einem Moment befindet, verliert alle anderen. Erst die Zukunft. Dann die Vergangenheit. Was übrig bleibt-«

»Ist die Schleife.«

»Ist die Schleife.«

Miriam schaute auf die vier Menschen, die ein Glas hoben und tranken und es wieder hoben und tranken, in einem Moment, der schön gewesen sein musste, bevor er aufgehört hatte, ein Moment zu sein.

»Hast du das getan?«, fragte sie. »Die Schleifen – hast du sie erschaffen?«

Stille.

Die mittlere Version drehte sich um und schaute sie an.

»Das ist die falsche Frage«, sagte er.

»Was ist die richtige?«

»Warum.«

* * *

Orin tauchte auf.

Er war nicht langsam herangekommen – er war auf einmal da, zwischen Miriam und der ältesten Version von Caelan, mit der Präzision von jemandem, der seinen Einsatz kennt und ihn nicht verpasst.

»Veyne«, sagte er. Kein Gruß, keine Höflichkeit – nur ein Name, ausgesprochen wie eine Grenze.

»Kade.« Die mittlere Version drehte sich zu ihm. Der Ton war nicht feindselig, aber auch nicht warm – der Ton von zwei Menschen, die sich lange kennen und die Zeit damit verbracht haben, die genaue Temperatur ihrer Beziehung auszumessen. »Du siehst erschöpft aus.«

»Du siehst wie immer aus.«

»Das ist der Vorteil der Nichtlinearität.« Ein leichtes Lächeln, das die drei Versionen gleichzeitig zeigte und gleich wieder verschwinden ließ. »Alter ist eine Wahl.«

»Für manche.« Orin stellte sich so, dass er sowohl Caelan als auch Miriam sehen konnte. »Was willst du von ihr?«

»Im Moment? Reden.«

»Das reicht mir nicht.«

»Das muss es.« Caelan schaute ihn an, ruhig, ohne Druck. »Du weißt, dass du mich nicht aufhalten kannst, Kade. Das weißt du sehr gut.«

Orin schwieg.

Das war, bemerkte Miriam, eine Form von Antwort.

* * *

Caelan schaute an Orin vorbei, zu Miriam.

Die drei Versionen gleichzeitig, die drei Blicke, die alle dieselbe Richtung hatten – auf sie. Der jüngste mit etwas, das Neugier hätte sein können. Der mittlere mit der Ruhe von jemandem, der das Gespräch schon einmal geführt hat. Der älteste mit etwas, für das Miriam keinen Namen hatte: eine Qualität von Aufmerksamkeit, die sich anfühlte wie gesehen werden.

Die vergessenen Pfade: Der Mann, der in allen Zeiten lebt

»Lass mich dir etwas zeigen, bevor dein Aufpasser mich verscheucht«, sagte er.

Orin: »Ich bin nicht-«

»Miriam.« Nur die mittlere Stimme. Ruhig, direkt. »Spür nach. Hier, jetzt. Was fühlst du?«

Miriam stand auf dem Platz. Die vier Menschen mit dem Glas in ihrer Schleife. Orin neben ihr. Die drei Versionen von Caelan vor ihr.

Sie versuchte, nicht zu denken, sondern zu spüren.

Und dann war es da.

Sie hatte es schon vorher gespürt – seit dem Experiment, in kleinen Momenten, das Gefühl einer Strömung, einer Richtung, einer Neigung des Raums um sie herum. Aber sie hatte es als Symptom behandelt, als Nebenwirkung des Kausalitätszusammenbruchs, als etwas, das ihr passierte und nicht etwas, das von ihr ausging.

Jetzt spürte sie die Richtung.

Und die Richtung war sie.

Die Strömungen liefen auf sie zu. Alle von ihnen. Die Schichten, die Schleifen, die Überlagerungen – sie bewegten sich nicht zufällig, sie bewegten sich nicht im Chaos, sie bewegten sich mit einer Orientierung, einer subtilen Tendenz, einem kaum merklichen Zug-

Auf sie zu.

»Oh«, sagte sie.

»Ja«, sagte Caelan.

* * *

Orin legte die Hand auf ihren Arm.

Nicht grob – aber bestimmt, mit dem Griff von jemandem, der eine Entscheidung getroffen hat und sie umsetzt. »Wir gehen jetzt.«

»Kade-«

»Wir gehen jetzt.« Er zog sie einen Schritt zurück, dann noch einen. Schaute auf Caelan. »Was auch immer du ihr gezeigt hast – das war genug für heute.«

Caelan ließ sie gehen.

Das war das Merkwürdige. Er hätte sie nicht gehen lassen müssen – das spürte Miriam, obwohl sie nicht hätte erklären können, woher. Aber er tat es, mit der Leichtigkeit von jemandem, der Zeit hat, weil er in aller Zeit gleichzeitig ist.

Die drei Versionen standen nebeneinander und schauten ihnen nach.

Die mittlere sagte, laut genug, dass sie es noch hörte, als Orin sie bereits um die Ecke zog:

»Du bist nicht die Ursache, Miriam.«

Pause. Die jüngste Stimme:

»Du bist das Ergebnis.«

* * *

Orin ließ ihren Arm los, als sie außer Sichtweite waren.

Er lief schnell, mit der Energie von jemandem, dem Bewegung hilft, und Miriam hielt das Tempo, obwohl ihre Gedanken langsamer waren – oder vielleicht schneller, vielleicht zu schnell, vielleicht in alle Richtungen gleichzeitig, was auf dasselbe hinauslief wie Stillstand.

»Du solltest nicht mit ihm reden«, sagte Orin.

»Du hast mich nicht aufgehalten.«

»Nein.« Eine Pause. »Ich hätte es nicht gekonnt.«

»Weil er recht hat, dass du ihn nicht aufhalten kannst?«

Orin schaute geradeaus. »Weil du deinen eigenen Entscheidungen folgen musst. Das ist das Problem mit dir.« Er sagte Problem ohne Abwertung, eher wie eine Eigenschaft, die man beschreibt, weil sie relevant ist. »Du machst deine eigenen Entscheidungen. Immer. Jede Version von dir, die ich kenne, tut das.«

 

»Das klingt wie ein Kompliment.«

»Es macht meine Arbeit schwieriger.«

Sie gingen.

Die Stadt um sie herum schrieb sich in ihrem Rhythmus um, gleichmäßig, fast schon vertraut. Ein Kind rannte in einer Schleife, lachte, verschwand. Ein Haus tauschte die Fassade, lautlos, zwischen zwei Augenblicken.

Miriam dachte an die Strömungen. An die Richtung.

Auf sie zu.

»Orin.«

»Ja.«

»Was, wenn er recht hat?«

Er antwortete nicht sofort. Lief noch drei, vier Schritte, bevor er sprach.

»Dann ist die Frage nicht, was du getan hast«, sagte er. »Sondern warum jemand will, dass du glaubst, du hast es getan.«

Miriam ließ das stehen.

Die Straße unter ihren Füßen war mal Granit, mal Asphalt, mal etwas, das es noch nicht gab.

Irgendwo hinter ihnen saß Caelan Veyne auf einer Bank in drei Versionen seiner selbst und wartete, mit der Geduld von jemandem, für den Warten keine Kosten hat.

Du bist das Ergebnis.

Miriam steckte die Hände in die Taschen. Ertastete den Zettel, den sie aus dem Mantel genommen hatte. Vier Wörter, ihre Handschrift.

Vertrau ihm. Noch nicht.

Sie schaute zu Orin, der neben ihr lief, den Blick voraus, die Schultern angespannt, mit dem Ausdruck von jemandem, der mehr weiß, als er sagt, und der Meinung ist, dass das fürs Erste das Richtige ist.

Noch nicht, dachte sie.

Und lief weiter.


Mehr über die starken Heldinnen in meinen Geschichten findet ihr in dieser Übersicht.

 
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Kategorien: AI Books

Isabella Buchfink

"Isabella Buchfink" ist ein Pseudonym. Ich schreibe Science Fiction, Thriller, Horror und Fantasy-Geschichten. Auf dieser Seite möchte ich nach und nach ein bisschen über mich schreiben, über meine Erfahrungen, meine Arbeitsweise, Programme und Werkzeuge, mit denen ich arbeite und so weiter. Ich lebe im Süden Deutschlands und arbeite im Realen Leben in der relativ ungefährlichen Welt der IT. Mein erster Versuch, einen Roman zu veröffentlichen, war ein Flop. Drei Bände meiner "Geschichten aus dem Transporterraum" habe ich bei einem Verlag veröffentlich und kaum ein Buch verkauft. Die nächsten Geschichten habe ich nun bei Amazon KDP veröffentlicht und kümmere mich um alles selber: Buchsatz, Korrektorat und Cover-Design. Bei zwei meiner Bücher hat meine Tochter die Illustrationen gezeichnet, bei den anderen habe ich sie mithilfe von Künstlicher Intelligenz und unzähligen Versuchen selbst erstellt.

1 Kommentar

Die vergessenen Pfade: Vergangenheit ist eine Lüge - Isabella Buchfink · 24. Februar 2026 um 7:21

[…] Kapitel 3: Die vergessenen Pfade: Der Mann, der in allen Zeiten lebt […]

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