Sie war nicht hineingegangen, um Caelan zu suchen.

Das sagte sie sich, auf dem Weg dorthin, durch die zwei Bezirke, die zwischen der Stadt und der Toten Zone lagen und sich verhielten wie Übergangszonen – ruhiger als das Zentrum, weniger überlagert, mit einer Qualität von Erschöpfung, als hätten die Zeitschichten hier aufgehört, sich anzustrengen, und sich einfach nebeneinandergelegt. Miriam lief und dachte: Ich gehe nicht, um ihn zu suchen. Ich gehe, weil die Schwachstelle in seinem Konstrukt dort liegt, und weil ich das Labor nicht erreichen kann, ohne zu verstehen, was das Konstrukt ist.

Das stimmte.

Es stimmte vollständig.

Und es war trotzdem nicht die ganze Wahrheit.

Die ganze Wahrheit war, dass sie seit dem Platz mit den drei Versionen von Caelan Veyne das Flackern in sich trug – nicht das Flackern der Zeitströmungen, die auf sie zuliefen, das kannte sie inzwischen, das hatte eine Textur, eine Richtung, eine Art von Verlässlichkeit sogar, grotesk wie das war. Dieses Flackern war anders. Es war die Art von Unruhe, die entsteht, wenn jemand etwas sagt, das man noch nicht einordnen kann, und der Verstand aufhört, es loszulassen.

Du bist nicht die Ursache. Du bist das Ergebnis.

Sie lief.

* * *

Die Grenze zur Toten Zone war sichtbar.

Nicht wie eine Linie, nicht wie eine Wand – eher wie der Rand eines Fotos, an dem die Belichtung falsch ist. Die Farben auf der anderen Seite waren dieselben Farben, aber sie verhielten sich anders: weniger bereit, das Licht weiterzugeben, weniger lebendig in dem subtilen Sinne, in dem lebendige Dinge lebendig sind. Das Pflaster auf dieser Seite hatte die minimale Bewegung von Pflaster, das in einer Stadt liegt – Temperaturdehnung, Vibration, das ferne Rumpeln von Dingen, die sich irgendwo bewegen. Das Pflaster auf der anderen Seite hatte das nicht.

Miriam blieb am Rand stehen.

Sie spürte die Zeitströmungen.

Auf dieser Seite: wie immer, der Zug in ihre Richtung, die Strömungen, die sich auf sie zu bewegten, das Gewahrsein von Schichten und Richtungen und dem ständigen Rauschen der Nichtlinearität.

Auf der anderen Seite: nichts.

Nicht das Nichts von Abwesenheit. Das Nichts von Stillstand. Als wäre die Luft dort nicht leer, sondern voll – voll von einem Moment, der aufgehört hatte, sich zu bewegen, und seitdem wartete.

Sie trat hinüber.

* * *

Die Stille war das Erste.

Nicht die Stille des Bezirks mit den Schleifen – diese hatte noch ein Rauschen gehabt, das Hintergrundgeräusch der Wiederholung. Diese hier war anders. Diese Stille hatte keine Tiefe, keine Schichten, keine Bewegung darunter. Sie war flach und vollständig und endgültig auf eine Art, die keine Endgültigkeit bedeutete, weil Endgültigkeit ein Ende voraussetzt und das hier kein Ende war.

Das hier war Mitte. Dauernde Mitte. Ein Moment, der nie aufgehört hatte.

Miriam stand und ließ es wirken.

Dann ging sie.

Die vergessenen Pfade: Die Stadt ohne Gegenwart

* * *

Die Straße war eine Straße aus einer Zeit, die sie nicht genau einordnen konnte.

Nicht vergangener als die Stadt, nicht zukünftiger – eher seitlicher, als wäre diese Zeit nicht in der Linie verlaufen, die sie kannte, sondern daneben, parallel, in einem Abstand, der nah genug war, um vertraut zu sein, und weit genug, um fremd. Die Häuser hatten eine Architektur, die sie fast kannte. Die Fenster hatten eine Form, die sie fast kannte. Die Bäume, die in regelmäßigen Abständen standen, hatten Blätter in einer Farbe, die zwischen Grün und etwas lag, das Grün gewesen wäre, wenn es Zeit gehabt hätte.

Alles stand.

Ein Vogel hing in der Luft, die Flügel in der Mitte eines Schlags ausgestreckt, perfekt, mit einer Präzision, die kein Foto je erreichen würde, weil Fotos Momente einfrieren und das hier kein eingefrorener Moment war. Das war der Moment selbst, ohne das Einfrieren, ohne die Gewalt der Unterbrechung.

Miriam schaute auf den Vogel.

Er schaute nicht zurück. Vögel schauen nicht zurück, wenn sie fliegen. Er flog, in dem Sinne, dass alles an ihm Flug war – die Haltung, die Energie, die Richtung. Nur das Ankommen fehlte.

Sie ging weiter.

* * *

Die Menschen waren das Schwierigste.

Sie hatte es erwartet – Mira hatte etwas gesagt, in dem Archiv, beiläufig, über die Tote Zone, und Orin hatte es einmal erwähnt, knapp, mit dem Ton von jemandem, der ein Thema nicht länger berührt als nötig. Bewusstsein bleibt. Das hatte sie gewusst.

Gewusst und nicht gewusst, was es bedeutete.

Der erste Mensch, den sie sah, war ein älterer Mann, der auf einer Bank saß. Er saß mit leicht vorgebeugtem Oberkörper, die Hände auf den Knien, den Blick nach vorn – nicht leer, das war das Merkwürdige, nicht der Blick der Schleifenbewohner, der durch die Dinge hindurchging. Sein Blick hatte Richtung. Er schaute auf etwas, das vor ihm gewesen war in dem Moment, in dem er hier gefangen wurde, und er schaute noch immer darauf, und was auch immer es war, es war für ihn noch da.

Miriam trat vor ihn.

Er sah sie nicht.

Sie bewegte die Hand vor seinem Gesicht. Keine Reaktion, keine Spur von Reaktion – aber auch keine Leere. Sein Ausdruck blieb, was er war: eine Art von konzentrierter Aufmerksamkeit, nach innen gerichtet, auf den Moment, der ihn hielt.

Bewusstsein bleibt.

Sie blieb stehen und hörte.

Nicht mit den Ohren. Mit dem Teil von ihr, der neu war, der seit dem Experiment offen war – die Fähigkeit, die sie noch keinen Namen gegeben hatte, das Wahrnehmen von Zeitströmungen und dem, was in ihnen war.

Und dann hörte sie es.

Gedanken.

* * *

Es war kein Hören im eigentlichen Sinne. Kein Stimmen, keine Worte, keine Sprache. Eher ein Gewahrsein von Inhalten – Fragmente, Bilder, Empfindungen, die von dem Mann auf der Bank ausgingen wie Wärme von einer Herdplatte, lautlos, konstant, ohne die Absicht, wahrgenommen zu werden.

Ein Gesicht. Eine Frau, jünger als er, mit einem Lachen, das schief war und zu breit für das Gesicht. Eine Küche. Der Geruch von etwas, das auf dem Herd stand. Ein Streit, vor langer Zeit, der nie ganz beigelegt worden war und deswegen immer noch da war, klein und hartnäckig wie ein Stein im Schuh.

Und darunter, unter allem: die Frage.

Nicht formuliert. Nicht in Worten. Aber da, beständig, der einzige Bewegung in dem, was sie von ihm empfing.

Warum höre ich nicht auf?

Miriam trat zurück.

Sie stand mitten auf der Straße und atmete durch, obwohl Atmen hier seltsam war – die Luft kam und ging, der Körper funktionierte, aber das Atmen hatte nicht dieselbe Qualität wie draußen, es hatte nicht den Rhythmus von etwas, das Zeit misst.

Warum höre ich nicht auf?

Er wusste, dass er nicht aufhörte. Er hatte kein Wort dafür, keine Theorie, kein Einordnungssystem. Aber er wusste es, auf die direkte, unbegriffliche Art, auf die Menschen Dinge wissen, die sie nicht wissen wollen.

Sie lief weiter.

* * *

Mehr Menschen. Mehr Fragmente.

Eine Frau, Mitte vierzig, in einer Haltung, die Eile bedeutete, ein Schritt vorwärts gefroren, die Arme leicht ausgestreckt für die Balance des Laufens. Ihre Gedanken: Termindruck, eine Liste, die nicht fertig war, das Bewusstsein von zu vielen Dingen gleichzeitig, die alle dringend waren. Und darunter – schwächer, weiter weg, als wäre es schon dabei, zu verblassen – die Erinnerung an den Morgen, bevor der Morgen aufgehört hatte: Kaffee, zu heiß, ein Fenster, Licht.

Trauer, für eine Tasse Kaffee und ein offenes Fenster.

Ein Kind, acht oder neun, das einen Ball gehalten hatte in dem Moment. Der Ball war noch in den Händen, der Körper bereit zum Wurf, der Schwung in den Schultern. Das Kind dachte weniger als die Erwachsenen – oder anders, in größeren Einheiten, einfacheren Formen. Hunger. Neugier. Der Wunsch, dass das Spiel weitergeht.

Und die Erschöpfung.

Die Erschöpfung war neu. Miriam blieb stehen und lauschte noch einmal, und sie war sicher: unter dem Hunger und der Neugier lag eine Erschöpfung, die kein Kind haben sollte, die Erschöpfung von etwas, das sehr lange andauert. Das Kind wusste nicht, wie lange. Kinder messen Zeit nicht in Einheiten, sie messen sie in Ereignissen, und es hatte keine neuen Ereignisse gegeben.

Miriam wandte sich ab.

Sie wandte sich zu schnell ab und stand dann eine Weile und schaute auf die stillstehende Straße und ließ die Überzeugung wachsen, die sie gebraucht hatte, um hierherzukommen, und die jetzt einen anderen Geschmack hatte als vorher.

Das muss aufhören, dachte sie. Das muss aufhören, und dafür brauche ich das Konstrukt, und dafür brauche ich Caelan, und dafür bin ich hier.

Das stimmte immer noch.

Und es stimmte jetzt mehr als vorher.

* * *

Das Konstrukt fand sie, bevor sie es suchte.

Sie hatte durch drei Querstraßen gelaufen, immer tiefer in die Tote Zone hinein, den stillstehenden Vögeln und den stillstehenden Menschen ausweichend, die Gedankenfragmente wie ein Rauschen hinter sich lassend, das nicht lauter wurde, aber breiter – als hätte jeder Mensch hier eine Stimme, und die Summe aller Stimmen war nicht Lärm, sondern Gewicht.

Dann, in der vierten Querstraße, sah sie es.

Es stand in einem Hof, den sie nur deshalb sah, weil das Tor offenstand – nicht geöffnet, sondern offen, in dem Sinne, dass es nie geschlossen gewesen war, oder schon so lange offen, dass der Unterschied aufgehört hatte zu existieren. Ein normaler Hinterhof, mit Pflastersteinen und einer alten Kastanie, deren Blätter in der Luft hingen wie die des Vogels, perfekt in ihrer Bewegung, festgehalten im Herunterfallen.

Und in der Mitte des Hofs: das Konstrukt.

Miriam trat ein und blieb stehen.

* * *

Es war kein Objekt, in dem Sinne, dass es Form hatte und Oberfläche und Grenzen. Es war mehr eine Verdichtung – ein Ort, an dem die Luft anders war, dicker, mit einer Qualität von Tiefe, die nicht mit den Augen zu erfassen war, sondern mit dem anderen Sinn, dem neuen, dem, der keine Oberflächen brauchte.

Sie spürte die Schichten.

Zeitebenen, übereinandergestapelt, aber nicht wild wie in der Stadt – geordnet, sorgfältig, mit der Präzision von jemandem, der weiß, was er tut. Momente aus verschiedenen Zeiten, arranged, geschichtet, einer über dem anderen, und alle hielten sie gemeinsam etwas – sie konnte es fühlen, das Gewicht davon, die Funktion, die Absicht dahinter.

Ein Anker.

Das war das Wort, das sich formte. Ein Anker, der die Tote Zone hielt. Nicht erschaffen hatte – die Tote Zone war älter, das spürte sie, war schon vorher gewesen, bevor jemand die Hand ausgestreckt und den Faden gefunden hatte. Aber gehalten. Stabilisiert. An seinem Platz gehalten, mit Absicht und mit Kraft.

Caelan Veyne hatte das gebaut.

Miriam stand davor und versuchte zu verstehen, warum jemand eine Zone des Stillstands verankern wollte. Warum jemand diese Menschen – den Mann auf der Bank, die Frau, die lief, das Kind mit dem Ball – in ihrem Moment halten wollte, und dann nicht nur halten, sondern dafür sorgen, dass das Halten anhielt.

Die Antwort, die sich formte, gefiel ihr nicht.

Weil er sie brauchte.

Die Menschen. Den Ort. Das Stillstehen. Er brauchte es für irgendetwas, und was er brauchte, hatte er gebaut, und was er gebaut hatte, stand hier in diesem Hof und hielt die Tote Zone, und in der Toten Zone warteten Bewusstseine, die Fragen stellten, auf die es keine Antwort gab.

* * *

Sie trat näher.

Der Sinn, der keine Oberflächen brauchte, öffnete sich weiter, je näher sie kam – mehr Schichten, mehr Tiefe, mehr von dem, was das Konstrukt enthielt. Und dann, in einer der mittleren Schichten, in einem Moment, der sorgfältig platziert war wie ein Stein in einem Fundament:

Sie selbst.

Miriam blieb stehen.

Das Abbild von ihr war vollständig – keine blasse Echo-Version wie in der Wohnung, kein transparentes Überbleibsel. Es stand in der Schicht wie ein echter Mensch steht, mit Gewicht und Präsenz und der kleinen Unvollkommenheit von echten Dingen. Es war sie, erkennbar, aber in einem Zustand, den sie noch nicht kannte: ruhig, vollständig ruhig, ohne die Anspannung, die sie seit dem Experiment in sich trug wie einen zweiten Herzschlag. Es stand in einem weißen Raum innerhalb der Schicht, der keine Entsprechung in der Toten Zone hatte – ein Raum, den das Konstrukt enthielt, der darin existierte, der für diesen Moment geschaffen worden war.

Und es lächelte.

Nicht glücklich. Nicht zufrieden. Das Lächeln von jemandem, der etwas verstanden hat und weiß, dass das Verstehen nicht leichter macht, was als Nächstes kommt.

Miriam streckte die Hand aus.

* * *

»Du solltest nicht hier sein.«

Die Stimme kam von hinter ihr.

Nicht laut. Nicht scharf. Die Stimme von jemandem, der eine Tatsache beschreibt – die mittlere Stimme von Caelan Veyne, ohne die anderen beiden, allein, mit einer Qualität, die sie in dem Chor auf dem Platz nicht gehört hatte: Müdigkeit.

Miriam ließ die Hand sinken. Drehte sich nicht sofort um. Schaute noch einen Moment auf das Abbild in der Schicht.

»Noch nicht«, fügte er hinzu.

Sie drehte sich um.

* * *

Er stand am Eingang des Hofs, allein – nur eine Version, die mittlere, ohne die anderen beiden, die vielleicht woanders waren oder vielleicht ruhten, wenn das ein Konzept war, das auf ihn zutraf. Er sah anders aus als auf dem Platz: ohne die drei Stimmen, ohne das Überlagern, war er schlichter, menschlicher, mit dem Gewicht von jemandem, der lange gestanden hat und es nicht mehr anmerken lässt.

Er schaute auf das Konstrukt, nicht auf sie.

»Du hast es gespürt«, sagte er.

»Ja.«

»Und?«

Sie überlegte, was sie antworten wollte. Nicht, was sie wusste – was sie antworten wollte, was die Antwort war, die sie mit Überzeugung sagen konnte.

»Du hast das gebaut, um die Tote Zone zu halten.«

»Ja.«

»Und die Menschen darin.«

Eine Pause. »Ja.«

»Warum?«

Er schaute auf das Konstrukt, mit dem Ausdruck von jemandem, dem die Frage nicht überraschend ist und der trotzdem einen Moment braucht, um die Antwort zu formulieren, die wahr ist und nicht nur korrekt.

»Weil es das Einzige ist, das ich noch tun kann«, sagte er schließlich.

Miriam wartete.

Aber er fügte nichts hinzu.

* * *

»Das reicht nicht«, sagte sie.

»Nein.« Er schaute sie an. »Das weiß ich.«

»Die Menschen hier-«

»Leiden nicht.«

»Das stimmt nicht.« Sie trat einen Schritt auf ihn zu, und etwas in ihr – der neue Sinn, das Wahrnehmen, das seit dem Experiment offen war – registrierte, wie er reagierte: nicht mit Rückzug, aber mit Aufmerksamkeit, mit der Schärfung von jemandem, der nicht gewohnt ist, direkt angesprochen zu werden. »Der Mann auf der Bank fragt sich, warum er nicht aufhört. Das Kind ist erschöpft. Sie wissen, dass etwas nicht stimmt – sie wissen es nur nicht in Worten.«

Caelan schwieg.

»Du weißt das«, sagte Miriam.

»Ja.«

»Und trotzdem-«

»Und trotzdem.« Er sagte es nicht als Rechtfertigung. Er sagte es als etwas, das am Ende von Sätzen steht, wenn die Sätze keine gute Wendung mehr haben. »Und trotzdem.«

Sie schauten sich an.

Die Tote Zone schwieg um sie herum.

Der Vogel hing in der Luft, die Flügel ausgestreckt, perfekt, und irgendwo hinter ihr wartete das Abbild in der Schicht mit seinem Lächeln, das kein Lächeln der Erleichterung war.

Miriam dachte an das Notizbuch und den Eintrag vom 2. April.

Ich weiß jetzt, wann es passieren wird. Ich gehe trotzdem hin.

»Was hält die Tote Zone?«, fragte sie. »Was hält sie wirklich – bevor du das Konstrukt gebaut hast?«

Caelan schaute sie an.

Und das war der Moment, in dem sie sah, dass er die Frage gefürchtet hatte.

Nicht weil er sie nicht beantworten wollte.

Weil die Antwort etwas bedeutete, das er noch nicht bereit war zu sagen.

* * *

»Das ist die falsche Reihenfolge«, sagte er.

»Es gibt keine richtige Reihenfolge mehr.«

»Doch.« Er trat einen Schritt in den Hof, an ihr vorbei, auf das Konstrukt zu – nicht um es zu berühren, nur um es anzuschauen, mit dem Ausdruck von jemandem, der etwas gebaut hat und es betrachtet und nicht sicher ist, ob er stolz darauf sein soll. »Es gibt eine Reihenfolge, in der du Dinge wissen kannst, ohne dass es dich zerstört. Diese Reihenfolge ist nicht zufällig. Sie ist die einzige, die funktioniert.«

»Wer hat entschieden, welche Reihenfolge die richtige ist?«

»Du.« Er wandte sich um. »In einer anderen Iteration. Oder in dieser. Die Unterscheidung wird mit der Zeit weniger nützlich.«

Miriam schaute ihn an.

»Du sagst, ich habe entschieden, wann ich welche Wahrheit erfahre.«

»Ich sage, eine Version von dir hat das vorbereitet. Mit Bedacht.« Eine Pause. »Das sollte dir sagen, dass die Version, die es vorbereitet hat, wusste, was sie tat.«

»Oder dass sie keine Wahl hatte.«

Er schwieg.

Das war, entschied Miriam, auch eine Antwort.

* * *

Das Abbild in der Schicht begann sich zu bewegen.

Langsam – nicht dramatisch, nicht mit einem Ruck, sondern mit der Bewegung von etwas, das sehr lange gestillt war und nun, vorsichtig, die Grenzen des Stillstehens prüft. Der Kopf neigte sich. Die Hand, die sie ausgestreckt hatte, senkte sich nicht – hob sich weiter, einen Zentimeter, zwei, in Richtung des Rands der Schicht.

Caelan sah es zuerst. Er drehte sich abrupt um, und Miriam sah in seinem Gesicht etwas, das sie noch nicht gesehen hatte: kein Kalkül, keine Ruhe, keine Müdigkeit. Nur die direkte, unverkleidete Reaktion von jemandem, dem etwas wichtig ist und der merkt, dass es außer Kontrolle gerät.

Das Abbild in der Schicht öffnete den Mund.

Lautlos – kein Ton, die Schicht ließ keinen Ton durch, oder der Ton brauchte Zeit und hier gab es keine Zeit. Aber Miriam sah die Lippen und las sie, mit der Konzentration von jemandem, der keine andere Wahl hat:

Er lügt dich an.

* * *

Drei Wörter.

Miriam stand in dem stillstehenden Hof und ließ die drei Wörter sich setzen, wie man Dinge sich setzen lässt, die zu schwer sind, um sie direkt anzufassen.

Das Abbild in der Schicht hatte aufgehört, sich zu bewegen. Es stand wieder, wie zuvor – vollständig, ruhig, mit dem Lächeln, das kein Lächeln der Erleichterung war. Als hätte es das Einzige gesagt, das es sagen konnte, und wäre jetzt wieder bei sich.

Caelan stand mit dem Rücken zu ihr und schaute auf die Schicht.

Miriam schaute auf seinen Rücken.

Sie dachte an den Zettel in ihrer Hosentasche, die vier Wörter, ihre eigene Handschrift. Vertrau ihm. Noch nicht.

Sie dachte an Caelans Satz auf dem Platz: Du bist nicht die Ursache. Du bist das Ergebnis.

Sie dachte an das Notizbuch und die Einträge, die sie nicht geschrieben hatte, und den Mann namens Kade, und die Frage ob ich Angst habe, und die Antwort ich habe gelogen.

Sie sagte nichts.

Caelan sagte auch nichts.

Die Tote Zone schwieg mit ihnen.

Und irgendwo, in einem stillstehenden Hof in einer Stadt ohne Gegenwart, wartete ein Abbild in einer Schicht mit geschlossenem Mund und offenem Lächeln, und drei Wörter lagen in der Luft zwischen ihr und einem Mann, der ihr etwas nicht sagte.

Er lügt dich an.

Miriam steckte die Hände in die Taschen.

Ertastete den Zettel.

Drehte sich um und ging.

 

FORTSETZUNG FOLGT


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Isabella Buchfink

"Isabella Buchfink" ist ein Pseudonym. Ich schreibe Science Fiction, Thriller, Horror und Fantasy-Geschichten. Auf dieser Seite möchte ich nach und nach ein bisschen über mich schreiben, über meine Erfahrungen, meine Arbeitsweise, Programme und Werkzeuge, mit denen ich arbeite und so weiter. Ich lebe im Süden Deutschlands und arbeite im Realen Leben in der relativ ungefährlichen Welt der IT. Mein erster Versuch, einen Roman zu veröffentlichen, war ein Flop. Drei Bände meiner "Geschichten aus dem Transporterraum" habe ich bei einem Verlag veröffentlich und kaum ein Buch verkauft. Die nächsten Geschichten habe ich nun bei Amazon KDP veröffentlicht und kümmere mich um alles selber: Buchsatz, Korrektorat und Cover-Design. Bei zwei meiner Bücher hat meine Tochter die Illustrationen gezeichnet, bei den anderen habe ich sie mithilfe von Künstlicher Intelligenz und unzähligen Versuchen selbst erstellt.

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