‚Die Angst, anders zu sein‘ aus meiner Geschichte Ungestillte Sehnsucht ist ein Kapitel, bei dem es um die Ausgrenzung von Menschen geht, die anders sind als die Norm. Larissa muss erleben, dass ihre Geschlechtsumwandlung nicht von allen ihren Mitschülerinnen und Mitschülern akzeptiert wird und hält im Unterricht ein Referat über das Thema.
Auch ihre Freundschaft mit der farbigen Mirita und ihr Einsatz für schwule und lesbische Klassenkameraden wird kritisch betrachtet, doch Larissa läßt sich bricht beirren und gründet die Arbeitsgemeinschaft LGBTQ+ AG, in der sich Gleichgesinnte austauschen können.
Hier eine Vorstellung des Kapitels, das Mut machen soll, sich gegen Rassismus und Homophobie zu wehren.
Es lief ganz gut in der Schule. Zum Glück erinnerte ich mich an alles, was Manuel gelernt hatte, selbst in Mathe war ich nicht schlecht, auch wenn es nie mein Lieblingsfach würde.
Mit den meisten meiner Klassenkameraden kam ich ganz gut klar, von Simone und ein paar anderen Ausnahmen abgesehen.
Nachdem sich herumgesprochen hatte, dass ich mit Steffen zusammen war, betrachteten die anderen Mädchen nicht länger als Konkurrentin im Wettkampf um die begehrtesten Jungs.
Mit dem Fußballspielen beim Sport war erst einmal vorbei. Stattdessen spielten wir of miteinander Volleyball und ich bemerkte, dass ich darin eigentlich ganz gut war und es mir Spaß machte. Ich war eine gute und ausdauernde Läuferin und schwamm gerne.
Mirita und ich hingen oft zusammen ab, trafen uns gelegentlich, um zusammen die Hausaufgaben zu machen, und wir hatten viel Spaß miteinander. Ich erklärte ihr, wie sie die Matheaufgaben lösen konnte, und sie fragte mich englische Vokabeln ab, bis ich sie endlich im Kopf hatte.
Es tat gut, nicht länger ein schüchterner Außenseiter zu sein, sondern Freunde zu haben und von den anderen akzeptiert zu werden.
Die erste richtige Herausforderung kam im Deutschunterricht auf mich zu. Wir beschäftigten uns mit Journalismus, Recherchen und Argumentationstechniken, analysierten Texte und sollten lernen, bei Meldungen herauszufinden, wieviel Wahrheit in einem Artikel in einer Zeitung oder in einem Beitrag in den Sozialen Medien steckte.
„Das Internet ist voll von dreisten Behauptungen, Lügen und Fake News“, erklärte Frau Schneider uns, „und ich sollt lernen, wie man ihnen auf die Schliche kommt. Oft beginnt eine Argumentationskette mit Fakten, die keiner leugnen kann. Daraus werden Schlussfolgerungen gezogen, die dann aber nicht unbedingt der Realität entsprechen müssen. Wir wollen uns ein paar dieser ‚Alternativen Fakten‘ ansehen, analysieren wie sie zustande gekommen sind und daraus lernen, wie man solche Unwahrheiten aufdecken kann. Außerdem sollt ihr daraus lernen, wie man Behauptungen mit Fakten untermauert um eure Zuhörer zu überzeugen.“
Sie präsentierte uns einige Beispiele aus Beiträgen, die sie aus verschiedenen Nachrichtenportalen, einer Tageszeitung und einem Podcast ausgesucht hatte.
„Ich möchte, dass ihr euch ein aktuelles Thema aussucht, das euch interessiert“, fuhr sie schließlich fort, „und eine Hausarbeit darüber schreibt. Recherchiert im Internet die Fakten, entwickelt eine These, diskutiert das Pro und Kontra, zeigt dabei auf, welche Fakten belegt sind und welche auf Annahmen beruhen und zieht daraus ein Fazit. Ihr könnt euch zu zweit oder zu dritt zusammen tun. Ihr habt zwei Wochen Zeit und am Ende sollt ihr die Ergebnisse eurer Arbeit vor der Klasse präsentieren. Die Benotung der Arbeit und eurer Präsentation zählt wie eine Klassenarbeit.“
Ich sah Mirita an und für uns war sofort klar, dass wir die Aufgabe gemeinsam angehen wollten. Wir verstanden uns prima und waren ein gutes Team.
* * *
Mirita und ich waren uns schnell einig, was wir als Thema für unsere Arbeit auswählen wollten. Wir hatten so oft erlebt, dass Mitschüler von uns schlecht behandelt worden waren, weil sie anders waren, als das, was in den Augen der anderen als ’normal‘ galt.
Wir durchsuchten das Netz und trugen eine Menge von Informationen aus Veröffentlichungen und Studien zusammen. Zu dem Thema ‚Randgruppen und die Angst vor dem Anderssein‘ gab es viel Material und wir suchten uns die interessantesten Artikel heraus, um mit ihnen zu arbeiten.
Und wir hatten beide selbst erlebt, wie es war, wenn man wegen der Hautfarbe gehässige Bemerkungen zu hören bekam oder als unsportlicher Schüler gehänselt und verspottet wurde. Das war in unserem Leben ganz alltäglich und eine unerträgliche Situation.
Wir verbrachten viel Zeit miteinander, wählten die wichtigsten und aussagekräftigsten Artikel aus und teilten lange an den Formulierungen.
Schließlich waren wir mit dem Ergebnis unserer Arbeit zufrieden.
„Und wie machen wir es mit der Präsentation?“ fragte ich Mirita schließlich.
„Ich finde, du solltest die Ergebnisse präsentieren“, schlug sie vor, „du kannst das bestimmt besser als ich. Dafür werde ich die Folien gestalten.“
* * *
Am Tag unserer Präsentation war Mirita deutlich aufgeregter, als ich es war. Dabei gab es keinen Grund dafür. Sie hatte eine wirklich tolle Präsentation erstellt, ansprechende Bilder ausgewählt und wir hatten lange an den Texten gefeilt, bis alles absolut perfekt aussah.
Ich war viel entspannter als sie und wusste genau, was ich sagen wollte und welche Botschaft ich mit der Präsentation vermitteln wollte. Es war unser Thema, und mir war es wichtig, meine Mitschülerinnen und Mitschüler dafür zu sensibilisieren.
Die Präsentation begann mit einem kurzen Video, in dem eine Szene aus dem Alltag gezeigt wurde und dann begann ich mit unserer ersten Folie.
„Menschen, die anders sind, werden oft merkwürdig angesehen. Menschen werden nach ihrem Aussehen beurteilt noch bevor man sie richtig kennt. Es scheint ein weit verbreiteter Mechanismus zu sein, andere in Schubladen einzusortieren. ‚Ausländer‘, ‚Lesbe‘ oder ‚Versager‘ könnte auf diesen Schubladen stehen.
Vorurteile sind tief verwurzelte Meinungen oder Einstellungen, die oft ohne fundierte Informationen oder persönliche Erfahrungen gebildet werden. Diese vorgefassten Meinungen sind besonders ausgeprägt gegenüber Randgruppen, also Menschen, die sich in irgendeiner Weise von der gesellschaftlichen Norm abheben.
Zu diesen Gruppen zählen ethnische Minderheiten, Menschen mit Behinderungen, LGBTQ+-Personen sowie Menschen mit unkonventionellen Lebensstilen. Die Angst vor dem Anderssein ist ein zentrales Element, das diese Vorurteile nährt und verstärkt.
Doch was ist ’normal‘? Wir sind alle Individuen mit unseren eigenen Erfahrungen, Meinungen, Vorlieben und Werten.“
Meine Zuhörer hörten aufmerksam zu und ich bemerkte, wie einige meiner Klassenkameraden unwillkürlich nickten. Ich wusste, das Thema beschäftigte mehr von uns, als sie es zugeben würden.
„Die Angst vor dem Unbekannten ist ein natürlicher menschlicher Instinkt“, fuhr ich fort, „Menschen neigen dazu, das Vertraute zu bevorzugen und alles, was anders ist, als Bedrohung wahrzunehmen. Diese Angst kann sich in verschiedenen Formen äußern, sei es durch Misstrauen, Ablehnung oder sogar offene Feindseligkeit. Oft sind diese Reaktionen das Ergebnis von Unkenntnis oder mangelndem Kontakt zu den betroffenen Gruppen. Wenn Menschen nicht die Möglichkeit haben, andere Lebensrealitäten kennenzulernen, bleibt ihre Vorstellung von ’normal‘ unangefochten, und sie entwickeln Vorurteile, die auf Stereotypen basieren. Diese Stereotypen sind häufig übertrieben oder verzerrt und tragen zur Stigmatisierung und Diskriminierung bei.“
Ich sah zu Mirita, die lächelte und mir mit ihrem Daumen zeigte, dass ihr meine Präsentation gefiel.
„Vorurteile gegenüber Randgruppen haben weitreichende negative Folgen. Sie führen nicht nur zu Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung, sondern auch zu psychischen Belastungen für die Betroffenen.
Menschen, die aufgrund ihrer Identität oder Lebensweise diskriminiert werden, erleben häufig ein Gefühl der Isolation und Minderwertigkeit. Die ständige Konfrontation mit Vorurteilen kann das Selbstwertgefühl der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und zu Depressionen oder Angststörungen führen. Außerdem können Vorurteile das soziale Gefüge einer Gemeinschaft destabilisieren, indem sie Misstrauen und Konflikte schüren.“
Es lief ganz gut. Wir hatten einen guten Foliensatz und ich hatte genau im Kopf, was ich sagen wollte.
„Um Vorurteile abzubauen, ist Bildung der Schlüssel. Aufklärung über die Lebensrealitäten von Randgruppen kann helfen, Ängste abzubauen und Empathie zu fördern.
Der persönliche Kontakt zu Menschen aus verschiedenen Hintergründen kann Vorurteile in Frage stellen und das Verständnis füreinander stärken. Wer von euch kennt denn jemand, der homosexuell ist, und hat sich schon einmal mit ihm ausführlich und objektiv über das Thema unterhalten?“
Das war meine wichtigste Botschaft. In unserer Schule habe es so viele Gruppen von Schülern, die sich von anderen abgeschotteten und immer nur mit Gleichgesinnten zusammen waren.
„Vorurteile gegenüber Randgruppen sind ein komplexes Phänomen, das tief in der menschlichen Psyche verwurzelt ist. Durch Bildung, Aufklärung und persönlichen Austausch können wir jedoch dazu beitragen, diese Vorurteile abzubauen und eine inklusivere Gesellschaft zu schaffen.
Es liegt an uns allen, die Vielfalt zu akzeptieren und zu feiern, anstatt sie zu fürchten. Indem wir uns aktiv für Toleranz und Verständnis einsetzen, können wir eine Gesellschaft schaffen, in der jeder Mensch, unabhängig von seiner Identität oder Lebensweise, respektiert und wertgeschätzt wird.
Nur durch gemeinsames Handeln und das Streben nach einem besseren Verständnis füreinander können wir eine Zukunft gestalten, in der Vorurteile keinen Platz mehr haben.“
Ich war mit meiner Präsentation fertig und meine Klassenkameraden klatschten begeistert.
„Das habt ihr wirklich toll gemacht“, lobte ins Frau Schneider, „ihr seid ein gutes Team.“
Mehr über die starken Heldinnen in meinen Geschichten findet ihr in dieser Übersicht.





