Die Szene ‚Ein köstliches Menü‘ aus meiner Geschichte Die Singularität der Erinnerungen entführt die Leserinnen und Leser in ein schickes Restaurant in der futuristischen Stadt Varil.
Hier werden Köstlichkeiten von den unterschiedlichsten Planeten angeboten. Wer also nicht zu den Gästen gehört, für die ein Schnitzel mit Pommes und einem gemischten Salat zum Standard gehört, kommt hier voll auf seine Kosten.
Hier eine kurze Lese- und Hörprobe der Szene:
Als wir nach unserem ersten erfolgreichen Experiment wieder mit dem Aufzug nach oben gekommen waren, hatte ich das erste Mal die Gelegenheit, Prof. Alistair Grent persönlich kennenzulernen. Er erwartete uns bereits im Foyer des ZTA und war höchst erfreut über den Erfolg.
„Ihr habt gute Arbeit geleistet“, lobte er uns, „das Experiment hat reibungslos funktioniert und jetzt stehen wir vor einem enormen Durchbruch in der Erforschung nichtlinearer, temporaler Effekte, der bedeutsamer ist, als alles was Einstein und Heisenberg erreicht haben. Wir werden die Welt verändern und wir alle haben diesen historischen Augenblick erlebt. Wir müssen das gebührend feiern und ich denke, wir werden für heute Feierabend machen und in die Stadt gehen. Ich habe uns einen Tisch im ‚French Yard‘ reservieren lassen. Wir treffen uns dort in einer halben Stunde.“
Meine Kollegen und ich waren begeistert. Das ‚French Yard‘ war eines der schicksten Restaurants in Varil. Vera hatte mir davon erzählt und die Preise für ein Menü übersteigen mindestens Budget von uns allen bei weitem.
Nun erblickte Dr. Grent mich und sah mich mit einem schiefen Lächeln an.
„Dr. Julie Vexler“, begrüßte er mich, „schön Sie endlich kennenzulernen. Ich habe mit Faszination Ihre Dissertation gelesen und wusste sofort, dass ich Sie haben will. Und sie hier real vor mir stehen zu sehen, blendet mich beinahe. Wie kann eine talentierte Physikerin wie Sie zusätzlich mit so viel Anmut und Schönheit gesegnet sein?! Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit und willkommen beim ZTA!“
„Danke, Professor Grent“, antwortete ich geschmeichelt, „ich bin froh, an diesem spannenden Thema arbeiten zu dürfen.“
„Wir werden in den nächsten Tagen noch Gelegenheit haben, uns besser kennenzulernen, doch nun gehen Sie mal flink und ziehen Sie sich um. Wir wollen die anderen nicht warten lassen!“
Der Kerl war mir auf Anhieb unsympathisch. Aber er war mein Chef, also behielt ich das lieber für mich und versuchte, meine Abneigung nicht allzu deutlich zu zeigen.
* * *
Das ‚French Yard‘ wurde seinem guten Ruf mehr als gerecht. Es befand sich im 44. Stockwerk eines Turms aus Glas und biolumineszierendem Metall, der sich bei Nacht wie eine lebendige Skulptur aus Licht über dem Stadtzentrum erhob. Schon der Aufzug war ein Erlebnis für sich – geräuschlos glitt er nach oben, während transparente Wände den Blick auf das wogende Lichtermeer der Metropole freigaben.
Der Empfang war still und elegant. Eine künstliche Intelligenz in menschlicher Gestalt – höflich, mit einem Hauch ironischer Würde – führte uns zu unserem Tisch am Panoramafenster. Die Sicht war atemberaubend: über den Horizont hinaus zog ein Raumschiff durch den ionisierten Himmel.
Die Atmosphäre im Restaurant war ruhig und gedämpft. Sanfte Harmonien aus einer fernen Kultur, wahrscheinlich vom Marskollektiv inspiriert, schwebten durch den Raum. Das Mobiliar war minimalistisch, doch jedes Detail zeugte von höchster Handwerkskunst – die Tische bestanden aus recyceltem Titanholz und die Teller schwebten passten ihre Temperatur automatisch der Speise an.
Das Menü war eine Hommage an die kulinarische Vielfalt des interstellaren Zeitalters. Ich entschied mich für das Vortisianische Degustationsmenü, ein sechsgängiges Erlebnis.
Schon die Vorspeise war fantastisch: Nebelschnecke auf Gletscherlotos, einer auf dem Saturnmond kultivierten Meeresdelikatesse, angerichtet auf kristallinem Blattgrün, das in der Kälte des Tellers leicht dampfte.
Als Hauptspeise wurde Aer-Fisch auf Magnetfeldkruste gereicht. Er war außen kross, innen von schmelzender Zartheit – begleitet von einem Gel aus fermentierten Zitrusfrüchten. Dazu gab es Synth-Fungi-Risotto, ein cremiges Gericht aus kultivierten Pilzen, die in der Schwerelosigkeit des Orbitals gewachsen waren.
Zwischendurch wurden uns kleine Häppchen Heliox-Wolke mit Kelp-Ash serviert. Die Komposition besaß ein betörendes Aroma, das sich beim Einatmen im gesamten Schädelraum verteilte.
Das Essen war köstlich und ich plauderte mit Pascal, der neben mir saß. Er erzählte mir von den Anfängen des Projektes und den zahllosen, frustrierenden Fehlschlägen, die sie immer wieder weit zurückwarfen.
Ich war schon halbwegs satt, als uns die Graviton-Ente mit Antimaterie-Birne gebracht wurde, und ich konnte nicht widerstehen, sie zu probieren. Die Birne hatte eine schwerelose Süße und die Entenbrust war in Mikrogravitation gegart, was ihr eine faszinierende Konsistenz verlieh.
„Wenn das so weitergeht, werde ich noch dick und rund“, flüsterte ich Pascal ins Ohr.
„Keine Angst“, grinste er, „davon bist du noch sehr weit entfernt. Aber wenn du Lust hast, machen wir auf dem Heimweg einen kleinen Umweg, dass die Ente sacken kann.“
„Das ist eine gute Idee. Vielleicht muss ich doch mal schauen, ob ich nicht wieder ein bisschen Sport machen kann. In Berlin habe ich irgendwann mit dem Joggen aufgehört und dann hat auch noch das Schwimmbad geschlossen, wo ich oft nach der Uni noch ein paar Längen geschwommen bin.“
Nun wurde noch der Nachtisch serviert: Schillernde Eiskugeln aus Früchten ans verschiedenen bekannten Welten, die in den schwebenden Gärten eines Jupitermondes stammten. Der Geschmack dieser Köstlichkeit war eine reine Gaumenfreude und schmeckte köstlich.
* * *
Pascal und ich verabschiedeten uns von den anderen. Unser Heimweg führte uns am Stoughwood River entlang. Wir überquerten die Strecke des Hovertrains und gingen durch einen Park. Ich nahm Pascal an der Hand und ich fühlte mich in seiner Gesellschaft wohl.
Er war anders als Tommy. Von Anfang an konnten wir miteinander über viele Themen reden, und es war nicht nur unsere Arbeit, über die wir sprachen. Er war einer der wenigen Männer, die ich kannte, die es auch schafften, über ihre Gefühle zu reden, und rasch war unsere Freundschaft stärker und vertrauter geworden.
„Varil ist ein schöner Ort“, sagte ich zu ihm, „keine dieser stinkenden Metropolen, die voll von Menschen sind. In Berlin sind die Straßen voll von Autowracks und in einigen Vierteln wird der Müll schon längst nicht mehr abgeholt.“
„Auch in Varil ist nicht alles in Ordnung“, widersprach Pascal, „der Stoughwood River ist von Chemikalien verseucht und es findet sich längst nichts Lebendiges mehr darin. Wir haben eine neue Stadt gebaut, aber wenn wir nicht aufpassen, ist sie bald genauso kaputt wie Berlin, München oder Paris.“
„Ich hätte gerne die Welt gesehen, wie sie noch vor hundert Jahren gewesen ist. Damals waren die Städte noch kleiner und es gab weite Gebiete dazwischen, wo kleine Dörfer von Wald, Wiesen und Feldern umgeben waren.“
„Vielleicht werden wir das eines Tages noch selber sehen“, antwortete ich, „wenn wir unsere Technologie so weit entwickelt haben, dass wir sicher sein können, dass wir an einem Stück wieder aus der Vergangenheit zurückkehren können.“
„Wir haben noch viel zu tun. Aber wir werden es schaffen und dann werden wir in die Vergangenheit reisen. Wir werden die Welt erkunden, wie sie voller langer Zeit gewesen ist.“
Mehr über die starken Heldinnen in meinen Geschichten findet ihr in dieser Übersicht.







