Das Spiegelarchiv hatte keine Adresse.

Orin hatte ihr das erklärt, auf dem Weg, knapp und ohne Umschweife, wie er alles erklärte: Es taucht auf, wo es gebraucht wird. Manchmal in einem Gebäude, das vorher etwas anderes war. Manchmal in einem Gebäude, das vorher gar nichts war. Man findet es nicht, wenn man es sucht – man findet es, wenn man etwas braucht, das es enthält.

Miriam hatte gefragt, wie man dann hinkommt.

Orin hatte gesagt: Man geht einfach weiter.

Sie hatte das für eine Antwort gehalten, die nichts bedeutete. Dann hatten sie drei Minuten in Schweigen nebeneinander gelaufen, die Stadt hatte sich zweimal kurz umsortiert, und plötzlich war da eine Tür in einer Wand gewesen, die sie noch beim letzten Blick als geschlossene Fassade wahrgenommen hatte – schmal, dunkel, ohne Schild, mit einem Türknauf aus Messing, der aussah, als würde er seit Jahrzehnten darauf warten, angefasst zu werden.

Da, hatte Orin gesagt.

Das ist eine Tür, hatte Miriam gesagt.

Ja.

Die war eben noch nicht da.

Nein. Aber du hast etwas gebraucht, das drin ist. Er hatte die Hände in die Taschen gesteckt und sie angeschaut. Ich warte hier.

* * *

Jetzt stand Miriam allein im Archiv.

Sie hatte erwartet, dass es wie eine Bibliothek aussah. Es sah wie eine Bibliothek aus, aber so, wie ein Traum wie eine Bibliothek aussieht: die Proportionen stimmten nicht ganz, die Decke war entweder sehr hoch oder unendlich, die Gänge zwischen den Regalen liefen parallel und schienen sich trotzdem irgendwo zu treffen. Das Licht kam von nirgendwo und von überall, warm und gleichmäßig, das Licht von Räumen, in denen immer gerade jemand liest.

Die Regale gingen von unten bis oben – bis wohin auch immer oben war – und sie standen voll mit Büchern.

Miriam nahm eins heraus.

Der Rücken war unbeschriftet. Der Einband war grau, abgegriffen, als wäre das Buch oft gehalten worden. Sie schlug es auf.

Die erste Seite war leer.

Die zweite auch.

Dann, auf der dritten, erschien Schrift – nicht wie gedruckt, nicht wie geschrieben, sondern wie entstehend, Buchstabe für Buchstabe, in einem Tempo, das dem Lesen entgegenkam, als würde das Buch einen Moment brauchen, um zu entscheiden, was es ihr zeigen wollte.

Sie stand in einem weißen Raum und wusste, dass sie schon länger hier war, als sie sich erinnern konnte.

Miriam schlug das Buch zu.

Stellte es zurück.

Zog das nächste heraus.

Dieselbe Leere auf den ersten Seiten. Dann, auf der dritten:

Das Experiment lief um 03:47 Uhr an.

Sie stellte auch dieses zurück. Schneller diesmal.

* * *

»Du solltest aufpassen, welche du aufschlägst.«

Die Stimme kam von links, aus einem der parallelen Gänge, ruhig und präzise, mit einem Unterton, der nicht Warnung war und nicht Begrüßung, sondern irgendwo dazwischen – der Ton von jemandem, der bereits weiß, wie das Gespräch verlaufen wird, und es trotzdem führt.

Miriam drehte sich um.

 

Die Frau, die am Ende des Ganges stand, war ungefähr in ihrem Alter. Vielleicht ein paar Jahre älter, vielleicht ein paar Jahre jünger – das Gesicht war schwer einzuordnen, es hatte die Qualität von Dingen, die lange nachgedacht haben und davon Spuren tragen. Kurze dunkle Haare, eine Brille mit kleinen runden Gläsern, ein Notizbuch unter dem Arm, das aussah, als wäre es schon vollgeschrieben und trotzdem noch in Gebrauch.

Sie kam den Gang entlang auf Miriam zu, ohne Eile, mit dem Schritt von jemandem, der diesen Weg schon oft gegangen ist.

»Mira Asher«, sagte sie, als sie nah genug war. Keine Frage, keine Vorstellung mit Handschlag – einfach ein Name, hingestellt wie eine Tatsache. »Und du bist Miriam Niehaus. Eine von ihnen, jedenfalls.«

Miriam bemerkte das eine von ihnen und ließ es vorerst stehen.

»Du kennst mich?«

»Ich kenne deine Handschrift.« Mira nickte in Richtung der Regale. »Sie taucht hier öfter auf. In verschiedenen Varianten.«

* * *

Mira führte sie tiefer ins Archiv.

Nicht in die Richtung, aus der Miriam gekommen war – in eine andere, durch einen Gang, der schmaler wurde, und dann wieder breiter, und dann in einen runden Raum mündete, der in der Mitte einen Tisch hatte. Auf dem Tisch lagen Papiere. Viele Papiere, dicht beschrieben, mit Diagrammen, die aussahen wie Spinnweben – konzentrische Kreise, von denen Linien abzweigten, die sich verzweigten, die sich wieder verzweigten, die sich manchmal zurückbogen und mit dem Ursprungskreis verbanden.

Mira setzte sich. Deutete auf den Stuhl gegenüber.

Miriam setzte sich.

»Zeit-Echos«, sagte Mira, ohne Einleitung, und schob ihr eines der Diagramme hin. »Das ist meine Theorie. Stark vereinfacht: wenn Zeit nicht mehr linear verläuft, entstehen Abdrücke. Momente, die so oft wiederholt oder so stark erlebt wurden, dass sie sich in die Struktur eingraben. Wie Rillen auf einer Schallplatte.«

»Echos«, wiederholte Miriam.

»Von Ereignissen. Von Entscheidungen. Und manchmal-« Mira tippte auf einen der Kreise, der sich zurückbog. »-von Menschen.«

Miriam schaute auf das Diagramm. Die zurückgebogenen Linien endeten im Ursprungskreis. Oder fingen dort an. Sie konnte die Richtung nicht bestimmen.

»Menschen können Echos sein?«

»Menschen können zu Echos werden.« Mira lehnte sich zurück. Ihre Hände lagen flach auf den Papieren, ruhig, mit der Ruhe von jemandem, der aufgehört hat, gegen etwas anzukämpfen. »Wenn die ursprüngliche Person aus der Zeitlinie entfernt wird, bleibt manchmal ein Abdruck. Der Abdruck hat Erinnerungen, hat eine Persönlichkeit, hat alles – außer einer Verbindung zum ursprünglichen Kausalstrang.«

Sie schaute Miriam an.

»Ich bin so ein Abdruck.«

* * *

Die Stille danach hatte ein Gewicht.

Miriam ließ sie stehen. Sie hatte gelernt, in den letzten Stunden, dass manche Aussagen Zeit brauchen, bevor man eine Antwort hat, die sich lohnt. Mira schien das zu wissen – sie wartete ohne Ungeduld, ohne den Impuls, die Stille zu füllen.

»Das Original«, sagte Miriam schließlich. »Wann-«

»Irgendwo in der dritten oder vierten Iteration der Nichtlinearität.« Mira zuckte leicht die Schultern – nicht gleichgültig, aber mit der Geste von jemandem, dem das Einordnen wichtiger ist als das Trauern. »Ich weiß es nicht genau. Ich habe keine Erinnerung daran, weil ich zu dem Zeitpunkt noch nicht existierte. Der Abdruck entsteht nach dem Verschwinden, nicht davor.«

»Und du weißt, dass du ein Abdruck bist.«

»Ja.«

»Wie?«

Mira griff nach einem der Bücher auf dem Tisch – eines, das Miriam nicht bemerkt hatte, schmal, roter Einband, das Gummiband dreimal um die Seiten geschlungen.

Miriam kannte dieses Notizbuch.

»Das ist-«

»Meins«, sagte Mira. »Meine Handschrift, meine Beobachtungen, meine Theorie. Aber schau hier.« Sie schlug es an einer Stelle auf, die mit einem Papierstreifen markiert war, und legte es auf den Tisch zwischen ihnen.

Der Eintrag war datiert. Drei Jahre zurück.

Heute habe ich das erste Mal ein Echo meiner selbst gesehen. Es stand am Fenster und schaute hinaus. Es hat mich nicht bemerkt. Ich habe es zwanzig Sekunden lang beobachtet. Dann habe ich verstanden: Das Echo bin nicht ich. Das Echo bin ich.

Ich bin das Echo.

Miriam las den Eintrag zweimal.

»Wie hast du damit-«

»Weitergemacht?« Mira nahm das Notizbuch zurück, schloss es. »Ich hatte keine andere Wahl. Und dann wurde es interessant.« Ein kleines Lächeln, das echt war, aber komplex – das Lächeln von jemandem, der etwas für sich genommen hat, was ihm ursprünglich nicht gehörte, und es trotzdem behalten hat. »Ein Abdruck, der weiß, dass er ein Abdruck ist, hat eine andere Perspektive auf die Struktur. Ich sehe die Echos, weil ich eines bin. Das hat meine Forschung erheblich vereinfacht.«

* * *

Sie arbeiteten.

So würde Miriam es später nennen, wenn sie darüber nachdachte: Sie arbeiteten. Zwei Frauen an einem Tisch in einem Archiv, das keine Adresse hatte, mit Papieren zwischen ihnen, die sich manchmal leicht veränderten, wenn man wegschaute. Mira erklärte die Diagramme. Miriam stellte Fragen. Manche Fragen beantwortete Mira, manche beantwortete sie nicht, aber auf eine Art, die ehrlich war – nicht Ausweichen, sondern Ich weiß es nicht, und das ist die Wahrheit.

»Diese Linien«, sagte Miriam und deutete auf die zurückgebogenen. »Die Echos, die sich mit dem Ursprung verbinden – das heißt, sie beeinflussen den Ursprung?«

»Oder sie sind der Ursprung.« Mira tippte auf den zentralen Kreis. »Das ist das Problem mit geschlossenen Kausalschleifen. Man kann nicht mehr sagen, was zuerst war. Die Linie läuft in beide Richtungen gleichzeitig.«

»Das ergibt mathematisch keinen Sinn.«

»Nein.« Mira schaute sie an. »Ergibt es nicht. Und trotzdem existierst du.«

Miriam schaute auf die Linie. Die Linie, die sich zurückbog. Die Linie, die mit dem Ursprung verbunden war.

Sie sagte nichts.

Mira sagte auch nichts.

Das Archiv summte leise um sie herum – nicht mechanisch, nicht elektrisch, eher wie ein Raum, der nachdenkt.

* * *

Die Bücher waren das Seltsamste.

Miriam hatte schon beim Reinkommen bemerkt, dass keines davon einen Titel auf dem Rücken hatte. Mira hatte es ihr erklärt, kurz, zwischen zwei Diagrammen: Sie sind noch nicht geschrieben. Das hier ist eine Bibliothek möglicher Bücher. Bücher, die geschrieben werden könnten, geschrieben werden könnten worden sein, in einer anderen Linie geschrieben wurden. Sie hatte kurz innegehalten. Grammatik funktioniert hier nicht besonders gut.

»Warum öffnen sie sich dann, wenn man sie aufschlägt?«

»Weil sie sich entscheiden.« Mira hatte die Schultern gezogen. »Was sie zeigen, hängt davon ab, wer liest. Ein mögliches Buch zeigt einem möglichen Leser eine mögliche Geschichte.«

»Eine Geschichte über mich?«

»Über jemanden, der du sein könntest. War. Sein wirst. Der Unterschied ist in diesem Kontext nicht sehr groß.«

Jetzt stand Miriam vor einem der Regale und ließ den Blick über die Rücken gleiten. Keine Titel. Keine Namen. Nur verschiedene Farben, verschiedene Dicken, verschiedene Grade von Abgenutztheit – als hätten manche öfter gewartet als andere.

Sie zog ein schmales Buch heraus. Weißer Einband, fast neu.

Erste Seite: leer.

Zweite: leer.

Dritte.

Diesmal erschien keine Schrift.

Sie wartete. Blätterte weiter.

Leer. Leer. Leer.

Fünfzig leere Seiten, sechzig, siebzig – und dann, auf der letzten Seite, die einzige Beschriftung des gesamten Buches. Nicht entstehend, nicht langsam – schon da, als wäre sie schon immer da gewesen, als hätte das Buch diesen einen Satz die ganze Zeit mit sich getragen:

Die Ursache.

Das war kein Satz. Das war ein Titel.

Miriam betrachtete die zwei Wörter auf der letzten Seite eines leeren Buches.

Dann schlug sie es von vorne auf und blätterte noch einmal durch, langsam, Seite für Seite.

Leer. Leer. Leer.

Die Ursache.

Das Buch war noch nicht geschrieben.

* * *

»Mira.«

Mira kam den Gang entlang, das Notizbuch in der Hand, die Brille leicht versetzt – sie hatte offensichtlich gelesen, während sie gegangen war.

Miriam hielt ihr das weiße Buch hin.

Mira schaute auf den Einband. Dann auf Miriam. Dann wieder auf den Einband, mit dem Ausdruck von jemandem, der eine Zahl ausgerechnet hat und das Ergebnis nicht mag.

»Hast du hineingeschaut?«

»Es ist leer.«

»Ja.« Mira nahm das Buch, hielt es aber nicht lange – legte es auf das nächste Regal, mit einer Sorgfalt, die über das Praktische hinausging. »Das ist das Problem mit leeren Büchern hier. Sie sind nicht ungeschrieben. Sie sind unentschieden.«

»Unentschieden?«

»Die Geschichte existiert noch nicht, weil die Entscheidung, die sie erzeugt, noch nicht getroffen wurde.« Sie schaute Miriam an. »Oder noch nicht oft genug.«

Miriam schaute auf das Buch im Regal.

»Und der Titel? Wenn es noch nicht geschrieben ist-«

»Der Titel ist das Einzige, das feststeht.« Mira wandte sich ab, ging zurück in Richtung des runden Raums. »Komm. Ich will dir noch etwas zeigen.«

* * *

Auf dem Tisch lagen, als sie zurückkamen, neue Papiere.

Nicht neue – andere. Miriam war sicher, dass das nicht dieselben Papiere waren, die sie verlassen hatten, aber Mira schien es nicht zu bemerken oder es als normal zu behandeln, und Miriam entschied, ihm vorerst denselben Status zu geben.

»Schau her.« Mira deutete auf eines der Diagramme. Dasselbe Spinnwebmuster, aber dieser Kreis war größer als die anderen, und die Linien, die von ihm abgingen, waren dicker. »Das Zentrum einer Echo-Struktur. Der Punkt, von dem alle Abdrücke ausgehen. Ich nenne es den Ursprungsknoten.«

»Und dieser Knoten-«

»Ist immer ein Mensch.« Mira sagte es ohne Dramatik, als wäre es ein mathematisches Faktum, das man akzeptiert, weil die Rechnung es ergibt. »Oder war einer. Zeit-Echos entstehen nicht im Leeren. Sie entstehen um eine Person herum, die sich an einem kausal entscheidenden Punkt befunden hat.«

Miriam schaute auf den großen Kreis in der Mitte des Diagramms.

»Wie viele Echos hat dieser Knoten?«

Mira zögerte. Ein kleines Zögern, kaum sichtbar, aber da.

»Ich habe bisher siebenundzwanzig dokumentiert«, sagte sie. »Von derselben Person.«

»Wer ist es?«

Mira schaute sie an.

Sagte nichts.

Miriam schaute zurück auf das Diagramm. Auf den großen Kreis. Auf die siebenundzwanzig Linien, die von ihm abgingen.

Sie zählte die Linien noch einmal.

Siebenundzwanzig.

»Oh«, sagte sie.

* * *

Die Stille, die danach kam, war von einer anderen Qualität als die vorherigen Stillen. Sie war voller – dicker, schwerer, mit einem Rand darin, der nicht schmerzte, aber drückte.

Mira ließ sie sitzen.

Miriam schaute auf das Diagramm. Auf die Linien. Auf den Kreis, der so viel größer war als alle anderen Kreise, als hätte die Struktur Gewicht bekommen durch das, was sie bedeutete.

»Siebenundzwanzig«, sagte sie schließlich.

»Die ich gefunden habe.«

»Wie viele gibt es insgesamt?«

»Ich weiß es nicht.« Mira setzte sich ihr gegenüber. »Die Nichtlinearität macht Zählen schwierig. Manche Echos existieren in Schichten, die ich nicht erreiche. Manche sind inzwischen selbst zu Knoten geworden – haben eigene Echos erzeugt.«

»Echos von Echos.«

»Ja.«

Miriam lehnte sich zurück. Die Decke des runden Raums war gewölbt, ein blasses Beige, ohne Lampen. Das Licht kam trotzdem.

»Und das Original?«, fragte sie, obwohl sie fürchtete, die Antwort zu kennen.

»Das Original«, sagte Mira langsam, »ist die interessanteste Frage. Weil in einer perfekten Echo-Struktur das Original und der Abdruck nicht mehr zu unterscheiden sind. Die Abdrücke werden so vollständig, so komplex, so-« Sie suchte nach dem Wort. »So bewohnt. Dass die Kategorie aufhört, etwas zu bedeuten.«

»Das klingt wie eine elegante Art zu sagen, dass du es nicht weißt.«

Mira lächelte. Dasselbe komplexe Lächeln von vorhin.

»Ja«, sagte sie. »Das ist eine elegante Art, es zu sagen.«

* * *

Sie fanden das Buch gemeinsam.

Miriam war aufgestanden, hatte die Regale entlanggegangen, nicht ziellos, aber ohne ein klares Ziel – eher mit der Bewegung von jemandem, der denkt, während er geht. Mira war mitgekommen, ein Schritt dahinter, das Notizbuch wieder in der Hand.

Das Buch stand zwischen zwei anderen, die nicht leer waren – sie konnte es spüren, ohne hineinzuschauen, das Gewicht davon, die Art, wie es Raum einnahm. Schwarzer Einband. Dicker als das weiße, dicker als die meisten anderen.

Sie zog es heraus.

Die vergessenen Pfade: Echo meines Ichs

Kein Titel auf dem Rücken.

Sie schlug es auf.

Erste Seite: leer.

Zweite: leer.

Dritte: Schrift. Erscheinend, Buchstabe für Buchstabe, langsamer als zuvor, als wäre das Buch weniger sicher. Und dann stand da:

Sie ist vierundvierzig Jahre alt und weiß noch nicht, dass es keine Rolle mehr spielt.

Miriam blätterte weiter.

Die Seiten waren voll. Dicht beschrieben, kein Abstand, als hätte die Geschichte keine Zeit gehabt für Leerzeilen. Datum: kein. Name: keiner. Aber die Details – die Art, wie die Frau im Buch stand, die Angewohnheit, das Gewicht auf den linken Fuß zu verlagern, die Hände halb ausgestreckt beim Denken –

»Leg es weg«, sagte Mira.

Ihre Stimme war anders. Nicht laut, nicht scharf – aber mit einem Unterton, der Miriam die Seiten sofort zuschlagen ließ.

»Was-«

»Das ist ein vollgeschriebenes Buch.« Mira schaute nicht auf das Buch, schaute auf Miriam. »Vollgeschriebene Bücher hier zeigen mögliche Enden. Nicht alle davon sind-« Sie pausierte. »Nicht alle davon sind hilfreich.«

Miriam hielt das Buch noch in den Händen. Geschlossen.

»Es war über mich.«

»Ich weiß.«

»Wie es endet.«

»Ich weiß.«

»Du hast es gelesen.«

Mira schaute sie einen Moment lang an. Dann:

»Es ist nicht das einzige Ende. Das ist das Wichtigste, was du dir merken solltest.« Sie nahm das Buch aus Miriams Händen, stellte es zurück ins Regal. »Jedes Buch hier ist eine Möglichkeit. Nicht eine Gewissheit.«

Miriam schaute auf die Stelle, an der das Buch jetzt stand. Zwischen den anderen. Unsichtbar, wenn man nicht wusste, wo man schauen musste.

»Wie viele gibt es davon? Von mir?«

»Ich habe siebenundvierzig gezählt.«

Pause.

»In wie vielen überlebe ich?«

Diesmal zögerte Mira länger.

»In genug«, sagte sie schließlich.

Das war keine Antwort. Aber Miriam ließ es gelten.

* * *

Sie fanden das leere Buch auf dem Rückweg.

Es lag auf einem der niedrigen Regale, fast auf Hüfthöhe, als hätte es sich dorthin gelegt und gewartet. Weißer Einband, schmal, anders als das von vorhin – kleiner, leichter, mit dem Gefühl von etwas, das noch nicht weiß, was es werden will.

Miriam blieb stehen.

Mira blieb einen halben Schritt später stehen.

Das Buch hatte noch nicht einmal einen Titel auf der letzten Seite. Keine Schrift, nirgends. Vollständig leer, vollständig offen, vollständig unentschieden.

Und trotzdem zog es sie an – nicht dramatisch, nicht magisch, sondern mit der schlichten Schwerkraft von Dingen, die einem gehören, bevor man es weiß.

Miriam nahm es.

Schlug es auf.

Erste Seite: leer.

Zweite: leer.

Dritte-

Und dann, langsam, langsamer als alles andere, das sie heute in Büchern gesehen hatte, erschien auf der dritten Seite eine einzige Zeile.

Ihre Handschrift. Zweifellos.

Ich weiß, was du tun wirst.

Miriam schloss das Buch.

Sie schloss es langsam, mit beiden Händen, als wäre Sorgfalt jetzt wichtig, als wäre die Art, wie man ein Buch schließt, eine Entscheidung.

Mira stand neben ihr und sagte nichts.

Das Archiv summte.

Irgendwo in den Regalen warteten siebenundvierzig Enden auf sie, und eines davon war leer, und das leere trug ihre Handschrift, und ihre Handschrift sagte, dass jemand bereits wusste, was sie tun würde.

Miriam legte das Buch zurück ins Regal.

Dann nahm sie es wieder heraus.

Steckte es in ihre Jackentasche.

»Das gehört nicht dir«, sagte Mira, ohne Vorwurf.

»Nein«, sagte Miriam. »Aber es trägt meine Handschrift.«

Mira schaute sie an. Dann nickte sie, einmal, kurz – nicht Zustimmung, aber Akzeptanz. Die Geste von jemandem, der gelernt hat, zwischen beidem zu unterscheiden.

Sie gingen zurück zur Tür.

Das Archiv ließ sie gehen.


Mehr über die starken Heldinnen in meinen Geschichten findet ihr in dieser Übersicht.

 
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Kategorien: AI Books

Isabella Buchfink

"Isabella Buchfink" ist ein Pseudonym. Ich schreibe Science Fiction, Thriller, Horror und Fantasy-Geschichten. Auf dieser Seite möchte ich nach und nach ein bisschen über mich schreiben, über meine Erfahrungen, meine Arbeitsweise, Programme und Werkzeuge, mit denen ich arbeite und so weiter. Ich lebe im Süden Deutschlands und arbeite im Realen Leben in der relativ ungefährlichen Welt der IT. Mein erster Versuch, einen Roman zu veröffentlichen, war ein Flop. Drei Bände meiner "Geschichten aus dem Transporterraum" habe ich bei einem Verlag veröffentlich und kaum ein Buch verkauft. Die nächsten Geschichten habe ich nun bei Amazon KDP veröffentlicht und kümmere mich um alles selber: Buchsatz, Korrektorat und Cover-Design. Bei zwei meiner Bücher hat meine Tochter die Illustrationen gezeichnet, bei den anderen habe ich sie mithilfe von Künstlicher Intelligenz und unzähligen Versuchen selbst erstellt.

1 Kommentar

Die vergessenen Pfade: Der Mann, der in allen Zeiten lebt - Isabella Buchfink · 26. Februar 2026 um 7:21

[…] Kapitel 4: Echo meines Ichs […]

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