Die Wohnung existierte noch.
Das war mehr, als Miriam erwartet hatte.
Sie hatte den Weg dorthin aus dem Gedächtnis abgelaufen – links aus dem Institut, die Brückenstraße hinunter, zweimal rechts, dann die kleine Gasse, die nach Akazien roch, wenn es regnete, und nach heißem Asphalt, wenn es nicht regnete. Das Gedächtnis hatte funktioniert. Die Straßen hatten mitgespielt, meistens, auch wenn sie sich einmal kurz umsortiert hatten und Miriam drei Schritte lang auf einem Pflaster gelaufen war, das es eigentlich erst in zwanzig Jahren geben würde – glatt, dunkel, lautlos unter den Sohlen, wie ein Versprechen, das noch niemand gegeben hatte.
Aber die Wohnung stand. Vierter Stock, zweite Tür rechts, das kleine Schild mit ihrem Namen, das sie nie ausgetauscht hatte, obwohl der Klebestreifen schon seit Jahren ablöste und der Name schräg hing.
Dr. M. Niehaus.
Sie legte die Hand auf die Klinke.
Dann lehnte sie die Stirn gegen die Tür und wartete, bis das Zittern aus ihren Händen ging.
Es dauerte länger als erwartet.
* * *
Die Wohnung war drei Wohnungen.
Miriam blieb in der Tür stehen und ließ den Blick arbeiten, bevor sie einen Schritt tat. Das hatte sie gelernt – in den letzten Stunden, in den Straßen, die sich umgeschrieben hatten: zuerst sehen, dann einordnen, dann handeln. Der Verstand brauchte eine Sekunde länger als die Füße, und wenn die Füße zuerst handelten, landete man auf Pflaster, das nicht mehr da war.
Die Wohnung links war leer. Keine Möbel, keine Bilder, keine Bücher – aber auch kein Staub, keine Kälte. Einfach leer, wie ein Satz ohne Inhalt. Die Wände in diesem Zustand waren noch ursprünglich: der alte cremefarbene Anstrich, die Tapetenkante unter der Fensterbank, die Miriam beim Einzug nie abgelöst hatte. Es war die Wohnung vor ihr.
Die Wohnung rechts war die ihrer Erinnerung. Das Bücherregal an der langen Wand, übervoll, die Bücher quer gestapelt auf den stehenden, weil kein Platz mehr war. Der Schreibtisch am Fenster, auf dem immer zu viel lag – Auswertungen, Notizzettel, die Kaffeetasse, die sie am Tag zuvor zu spülen vergessen hatte. Das gerahmte Foto ihrer Mutter auf dem Kaminsims, das schon leicht schief hing, weil die Wand atmete, wie alte Wände das tun.
Und die Wohnung in der Mitte war verfallen.
Dasselbe Zimmer, dieselbe Aufteilung – aber die Decke hatte Risse, aus denen Feuchtigkeit sickerte. Das Bücherregal war noch da, aber die Bücher hatten aufgequollen und sich verbogen, ihre Rücken aufgeplatzt wie nasse Wunden. Der Schreibtisch stand unter einer Schicht aus etwas, das Miriam lieber nicht genauer betrachtete. Die Kaffeetasse auf dem Schreibtisch war dieselbe. Das erkannte sie an dem kleinen Sprung im Henkel.
Dieselbe Tasse. Drei Zustände.
Miriam trat ein.
* * *
Sie ging zum Schreibtisch.
Zum mittleren Schreibtisch, zum vertrauten – zu dem, der noch Miriams Schreibtisch war und nicht die Ruine davon. Sie schob die Auswertungen zur Seite, suchte nach dem, was sie kannte, nach dem Gefühl von Normalität, das sie vielleicht noch einmal kurz anhalten konnte, bevor es weiterrann.
Das Notizbuch lag in der zweiten Schublade. Wie immer.
Sie zog es heraus.
Das Notizbuch war rot, DIN A5, mit dem Gummiband, das sie immer dreimal um die Seiten schlang. Es war das Notizbuch, das sie seit zwei Jahren führte – Beobachtungen, Berechnungen, halbfertige Gedanken, die nachts kamen und sich bis zum Morgen verflüchtigt hatten, wenn sie sie nicht aufschrieb.
Sie schlug es auf.
Und hörte auf zu atmen.
Die Handschrift war ihre. Der Schwung des R, das geschwungene D, der Knick beim u. Ihre Handschrift, zweifellos. Aber was dastand, hatte sie nicht geschrieben.
Sie hatte es nie geschrieben.
* * *
3. März. Das Sekundärsystem zeigt Instabilität in Schicht 4. Habe Messung wiederholt – dreimal. Ergebnis konstant. Protokolliere, ohne Schlussfolgerung zu ziehen. Noch nicht.
11. März. Kade war heute hier. Er hat gefragt, ob ich Angst habe. Ich habe gelogen.
28. März. Das Echo in der Küche war deutlicher als zuvor. Ich habe gezählt: 14 Sekunden. Dann weg. Ich fange an, die Zeitpunkte zu notieren.
2. April. Ich weiß jetzt, wann es passieren wird. Ich gehe trotzdem hin.
Miriam blätterte.
Mehr Einträge. Dutzende. Alle in ihrer Handschrift. Alle aus Wochen, an die sie sich zu erinnern glaubte – aber in keiner Erinnerung war ein Mann namens Kade gewesen, in keiner Erinnerung hatte sie Echos gezählt, in keiner Erinnerung hatte sie gewusst, was passieren würde, und es trotzdem getan.
Sie blätterte zum Anfang.
Der erste Eintrag war datiert auf den Tag, an dem sie die Stelle am Institut angetreten hatte. Das stimmte. Das erinnerte sie. Die Aufregung in der Brust, die sie damals als Professionalität verkleidet hatte, der neue Kittel, der noch nach Plastik roch.
Der erste Satz stimmte: Erster Tag. Labor in gutem Zustand, Vorgänger ordentlich.
Der zweite Satz stimmte nicht:
Bin ich sicher, dass das die richtige Entscheidung war?
Miriam hatte nie gezweifelt. Nicht an diesem Tag. Nicht an dieser Stelle. Sie hatte die Stelle gewollt mit der Entschlossenheit, mit der sie alles wollte, was sie sich einmal vorgenommen hatte, und Zweifel waren kein Konzept gewesen, das in diesem Kontext Platz gehabt hätte.
Sie klappte das Notizbuch zu.
Legte die Hände flach darauf.
Saß still.
* * *
Das Foto ihrer Mutter hing schief.
Das war normal. Das war immer schief gehangen.
Miriam stand auf, weil sie eine Beschäftigung brauchte, eine physische Handlung, etwas, das sie in die Gegenwart zurückholte. Sie ging zum Kaminsims. Sie hob das Foto an, richtete es gerade, ließ es los.
Es hing gerade.
Sie schaute hin.
Auf dem Foto stand ihre Mutter vor einem Haus, das Miriam nicht kannte. Ein weißes Haus, grüne Fensterläden, ein Garten mit Obstbäumen dahinter. Ihre Mutter lächelte, mit dem Lächeln, das Miriam kannte – schief, ein bisschen zu breit für das Gesicht, als könnte es die Grenzen nicht ganz einhalten.
Aber das Haus war falsch.
Ihre Mutter hatte in einer Wohnung gelebt. Immer. Eine Mietwohnung im dritten Stock, Heizkörper, die im Winter klapperten, ein Blick auf den Hinterhof mit dem Kastanienbaum. Kein Haus. Kein Garten. Keine grünen Fensterläden.
Miriam stellte das Foto auf den Kaminsims zurück.
Dann nahm sie es noch einmal auf und schaute genauer hin.
Neben ihrer Mutter stand ein Kind.
Ein Mädchen, vielleicht acht oder neun Jahre alt, mit dunklen Haaren und einem Ausdruck, der zu konzentriert war für eine normale Fotosituation – dieses spezifische Zusammenkneifen der Augen, das entsteht, wenn man etwas zum ersten Mal sieht und es sofort verstehen will.
Das Mädchen war sie.
Miriam hatte keine Erinnerung an dieses Foto. An dieses Haus. An diesen Garten. An diesen Tag.
Aber sie erkannte sich selbst.
* * *
Sie legte das Foto mit dem Gesicht nach unten auf den Kaminsims.
Dann stand sie in ihrer Wohnung – in der mittleren, der vertrauten, der, die noch ihre war – und ließ zu, was sie die letzten Stunden mit allen Mitteln aufgehalten hatte: die Erkenntnis, dass sie nicht wusste, wer sie war.
Nicht im philosophischen Sinne. Nicht in dem Sinne, der auf Partys zu langen Gesprächen führt und am Morgen danach vergessen ist. Sondern buchstäblich, präzise, messbar: Sie konnte nicht mehr unterscheiden, welche ihrer Erinnerungen zu ihr gehörten und welche zu jemandem, der ihren Namen trug und ihre Handschrift hatte und in ihrer Wohnung lebte und trotzdem nicht sie war.
Das war das Beängstigendste, was sie je gedacht hatte.
Und sie hatte schon sehr beängstigende Dinge gedacht.
* * *
Das Echo kam aus der Küche.
Miriam hörte es, bevor sie es sah: ein Geräusch, das kein richtiges Geräusch war, eher das Gefühl eines Geräuschs – ein Gewahrsein von Präsenz, ein kurzes Aussetzen der Stille, das einen Herzschlag zu lang dauerte.
Sie ging zur Küchentür.
In der Küche stand sie.
Eine blassere Version. Als hätte jemand das Bild von ihr auf einem Bildschirm geöffnet und die Helligkeit auf sechzig Prozent gedreht. Dieselbe Höhe, dieselbe Haltung – leicht nach vorne geneigt, das Gewicht auf dem linken Fuß, die rechte Hand halb ausgestreckt, wie beim Denken –, aber die Konturen nicht ganz scharf, die Farben gedämpft, die Augen auf einen Punkt gerichtet, der nicht in diesem Zimmer lag.
Das Echo bemerkte sie nicht.
Es stand am Herd, auf dem nichts stand, und führte eine Handlung aus, die es nicht gab: eine Handbewegung, das Heben und Senken des Handgelenks, als würde es rühren. Ein Topf, der nicht da war. Eine Mahlzeit aus einer Zeit, die nicht diese war.
Miriam lehnte an den Türrahmen und schaute zu.
Sie hatte das Notizbuch gelesen. Das Echo in der Küche war deutlicher als zuvor. Ich habe gezählt: 14 Sekunden.
Sie zählte.
Bei zwölf löste sich das Echo auf. Nicht dramatisch – kein Verschwinden, kein Auflösen. Einfach weniger da, dann nicht mehr da, wie das Ende eines Gedankens.
Zwölf Sekunden. Nicht vierzehn.
Also war das hier eine frühere Version der Szene. Eine frühere Version von ihr selbst, die noch nicht wusste, was sie noch nicht wusste.
Miriam blieb in der Küchentür stehen und versuchte, das als Datenpunkt zu behandeln. Als Information. Als etwas, das man notiert und einordnet.
Es gelang nur halb.
* * *
Der Kleiderschrank im Schlafzimmer enthielt Kleider, die nicht ihre waren.
Das heißt: sie waren schon ihre. Derselbe Stil, dieselben Farben, dieselbe Größe. Aber zwischen den Sachen, die sie kannte, hingen Dinge, an die sie sich nicht erinnerte – ein Mantel in einem Blau, das sie nie getragen hatte, eine Jacke mit einem Reißverschluss auf der falschen Seite, ein Kleid für einen Anlass, der ihr nicht einfiel.
In der Tasche des Mantels fand sie einen Zettel.
Handschrift – ihre. Vier Wörter:
Vertrau ihm. Noch nicht.
Kein Name. Kein Datum. Keine Erklärung, wer ihm war.
Miriam steckte den Zettel in ihre Hosentasche.
Dann schloss sie den Schrank.
Dann öffnete sie ihn wieder, weil sie sicher sein wollte, dass er noch da war.
Er war noch da.
* * *
Sie saß auf dem Boden des Schlafzimmers, den Rücken gegen die Bettkante, als ihr auffiel, dass sie seit Stunden nicht gegessen hatte. Der Körper meldete sich mit dieser kleinen, unpoetischen Präzision, mit der er sich immer meldete, egal, was gerade passierte – als wäre Hunger ein Konzept, das sich von Kausalitätszusammenbrüchen nicht beeindrucken ließ.
Sie blieb trotzdem sitzen.
Draußen hörte sie die Stadt: gedämpft durch die Fenster, aber da. Schritte auf dem Pflaster, das sich ständig veränderte. Stimmen aus Zeiten, die gleichzeitig stattfanden. Einmal, kurz, das Lachen eines Kindes – klar und ungebrochen, aus einer Schicht, in der noch nichts zerbrochen war.
Sie dachte an das Notizbuch. An den Eintrag vom 2. April.
Ich weiß jetzt, wann es passieren wird. Ich gehe trotzdem hin.
Wer war sie, diese Version von ihr, die gewusst hatte? Wer war sie gewesen, dass sie es gewusst und sich nicht abgewandt hatte, nicht geflohen, nicht eine andere Entscheidung getroffen hatte?
Ich gehe trotzdem hin.
Miriam lehnte den Kopf gegen die Bettkante.
Sie dachte: Ich würde nicht hingehen. Wenn ich wüsste, was passiert, würde ich nicht hingehen.
Und dann, langsamer, unangenehmer:
Woher weißt du das?
* * *
Die Stimme kam von der Tür.
Nicht aus der Küche, nicht aus dem Nichts – von der Wohnungstür, die Miriam nicht gehört hatte: kein Schlüssel, kein Klingeln, kein Klopfen. Einfach eine Stimme aus dem Flur, ruhig und ohne Überraschung, als wäre ihr Besitzer schon länger da und hätte nur gewartet, bis der richtige Moment war.
»Ich habe dich gesucht.«
Miriam stand auf.
»Du bist früher dran, als ich dachte.«
Im Türrahmen des Schlafzimmers stand ein Mann. Groß, dunkle Kleidung, ein Gesicht, das sie nicht einordnen konnte – nicht alt, nicht jung, irgendwo dazwischen, mit dem Ausdruck von jemandem, der zu viele Dinge gleichzeitig berechnet. Er lehnte an den Rahmen, die Arme locker verschränkt, und schaute sie an, als wäre sie ein Problem, das er schon länger kannte.
Kade, dachte Miriam. Ohne zu wissen, woher.
Er hat gefragt, ob ich Angst habe. Ich habe gelogen.
Sie schaute ihn an.
Er schaute zurück.
»Wer bist du?«, fragte sie, obwohl sie den Namen schon hatte.
»Orin Kade«, sagte er. »Zeitagent. Und du weißt bereits, wer ich bin – oder eine Version von dir tut es jedenfalls.«
Er schob sich vom Türrahmen ab und trat einen Schritt in das Zimmer.
»Die Frage ist«, sagte er, »welche Version du bist.«
Mehr über die starken Heldinnen in meinen Geschichten findet ihr in dieser Übersicht.






1 Kommentar
Die vergessenen Pfade: Die zersplitterte Sekunde - Isabella Buchfink · 22. Februar 2026 um 9:21
[…] Kapitel 2: Vergangenheit ist eine Lüge […]
Die Kommentare sind geschlossen.