Das Experiment lief um 03:47 Uhr an.

Miriam erinnerte sich daran mit der präzisen Gleichgültigkeit, mit der sie sich an alle wichtigen Momente erinnerte: als Datum, als Uhrzeit, als Abfolge von Handlungen. Sie hatte den Initiator um 03:46:12 aktiviert. Sie hatte die Messwerte um 03:46:58 ein letztes Mal geprüft. Sie hatte um 03:47:00 die Sequenz gestartet.

Was danach kam, ließ sich nicht mehr in Sekunden messen.

* * *

Zuerst war da die Stille.

Nicht die Stille eines leeren Raums – das Labor war nie still gewesen, es summte immer, atmete immer, die Kühlsysteme im Untergeschoss pumpten unaufhörlich ihren weißen Atem durch die Rohre. Diese Stille war anders. Sie war vollständig. Als hätte jemand die Hand um die Zeit gelegt und zugedrückt.

Miriam stand am Hauptpult und wartete auf die Messwerte.

Die Messwerte kamen nicht.

Stattdessen kam das Licht.

Es kam nicht von der Apparatur, nicht von den Deckenpaneelen, nicht von den Bildschirmen, die einer nach dem anderen schwarz geworden waren. Es kam aus der Luft selbst – ein Weißen, das kein Weißen war, das heller wurde und heller und dann aufhörte, eine Farbe zu sein, und zu etwas wurde, das Miriam im Nachhinein nur als alles auf einmal beschreiben konnte.

Sie dachte noch: Kalibrierfehler. Überlastung im Primärfeld. Ich muss-

Dann zerbrach die Sekunde.

* * *

Sie fiel nicht. Das war das Erste, was sie feststellte, als das Denken zurückkam.

Sie stand. Ihre Füße berührten Boden. Ihre Hände hielten sich an der Pultverkleidung fest – sie spürte die kalte Metallkante, die kleinen Rillen des Riffelmusters, die Erschütterung ihrer eigenen Fingerknochen, die sich daran klammerten.

Also stand sie. Also gab es noch Boden. Also-

Sie öffnete die Augen.

Das Labor war noch da.

Und das war das Problem.

Es war zu da. Es war dreifach da, wie drei Negative übereinandergelegt, die nicht ganz deckungsgleich waren. Zur ihrer Linken standen Regale mit Messgeräten, ordentlich, unberührt, der Zustand von vor dem Experiment. Zur ihrer Rechten lagen dieselben Regale als Trümmer, Metall verdreht, Glas auf dem Boden, Kabel aus den Wänden gerissen wie Gedärme. Und dazwischen – direkt vor ihr, transparent wie Rauch und doch vollständig real – stand das Labor, wie es jetzt sein sollte: laufend, summend, die Apparatur im Betrieb.

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Drei Zeiten. Übereinander.

Kalibrierfehler, dachte Miriam wieder, weil ihr Verstand noch versuchte, die Dinge in eine Schublade zu sortieren, die er kannte.

Nein, antwortete etwas in ihr, etwas, das neu war und sich anfühlte wie ein sechster Sinn, der gerade aufgewacht war. Kein Fehler. Das ist, wie es jetzt ist.

* * *

Sie sah sich selbst.

Die jüngere Version stand an der Tür zum Nebenraum, vielleicht zwanzig Jahre alt, in einem Laborkittel, der ihr zu groß war. Sie hatte die Hände in den Taschen und schaute auf die Apparatur mit einem Ausdruck, den Miriam auf den Namen Hunger taufte – dieser spezifische Gesichtsausdruck, den man macht, wenn man etwas zum ersten Mal sieht und schon weiß, dass man es nicht mehr loslassen wird.

Die jüngere Version schaute nicht zu ihr herüber. Sie existierte in ihrer eigenen Schicht, unberührbar.

Die ältere Version stand in der Mitte des Raums, inmitten der Trümmer, und schaute direkt auf Miriam.

Sie war alt. Nicht einfach gealtert – sondern verbraucht, als hätte das Leben sie durch zu viele Siebe gepresst. Ihre Haare waren weiß und kurz, ihre Augen lagen tief, und um ihren Mund herum hatten sich Linien eingegraben, die nicht von Lachen stammten. Sie trug keine Laborkleidung. Sie trug gar nichts Erkennbares – nur Schichten, grau und schwer, wie jemand, der sich ans Unsichtbarwerden gewöhnt hat.

Die alte Miriam öffnete den Mund.

Kein Ton kam heraus. Aber Miriam verstand, was sie sagte. Sie verstand es so direkt und so körperlich, als wären die Worte in ihre Rippen geschrieben:

Lauf.

* * *

Miriam lief.

Sie lief, ohne zu entscheiden zu laufen. Ihre Beine bewegten sich, ihr Körper warf sich zur Tür, ihre Hände rissen die Verriegelung auf – und dann war sie draußen, im Korridor, der sich genauso verhielt wie das Labor: dreifach, geschichtet, die Vergangenheit und die Zukunft des Gebäudes gleichzeitig um sie herum.

Im Korridor stand ein Mann.

Er war vielleicht fünfzig, vielleicht sechzig. Er trug einen Anzug, der einmal teuer gewesen war. Er stand mit dem Rücken zur Wand, die Hände leicht ausgestreckt, wie jemand, der Halt sucht, und er sagte:

»Das Experiment ist fehlgeschlagen.«

Pause.

»Das Experiment ist fehlgeschlagen.«

Pause.

»Das Experiment ist fehlgeschlagen.«

Miriam blieb stehen. Der Mann schaute durch sie hindurch. Er wiederholte den Satz mit derselben Betonung, derselben minimalen Bewegung der Lippen, einem Gramm Luft mehr beim fehl-, dem Abbruch nach geschlagen – identisch. Eine Schallplatte, deren Nadel nicht weiterkommt.

Sie hob die Hand vor sein Gesicht.

Er blinzelte nicht.

Vergessener, formte sich das Wort in ihr, obwohl sie nicht wusste, woher es kam. Sie wusste nicht einmal sicher, was es bedeutete. Aber sie wusste, dass es stimmte.

»Das Experiment ist fehlgeschlagen.«

Sie ließ ihn stehen und lief weiter.

* * *

Die Stadt empfing sie mit offenem Mund.

Miriam trat durch die Haupttür des Instituts und blieb auf der Treppe stehen, weil sie nicht weiterkonnte. Weil weiter nicht mehr existierte, zumindest nicht in dem Sinne, den sie kannte.

Die Straße vor ihr war eine Straße von jetzt und davor und danach. Die Pflastersteine im Zustand von vor zwanzig Jahren – rau, uneben, aus Granit – lagen unter den glatten Verbundplatten der Gegenwart, und über beiden schwebten, transparent wie Glas, die Metallgitterroste einer Zukunft, die noch nicht eingetroffen war. Gebäude ragten auf in drei Versionen ihrer selbst. Das Eckhaus links war gleichzeitig ein Gründerzeitbau mit schweren Simsen, ein sanierter Betonklotz und eine Ruine, von Efeu überwuchert.

Menschen gingen vorbei.

Einige gingen in allen drei Schichten gleichzeitig, ihre Konturen weich und überlappend. Andere existierten nur in einer, scharf und klar, ohne zu wissen, was sie damit sagten. Ein Kind rannte zwischen zwei Autos hindurch, lachte, verschwand, erschien zwanzig Meter weiter, lachte wieder, verschwand – dieselbe Sekunde, endlos wiederholt, eine Zeitschleife so klein und privat, dass niemand außer Miriam sie zu bemerken schien.

Sie lehnte sich gegen den Türrahmen und ließ den Verstand arbeiten.

Quantenkohärenz, dachte sie. Temporale Superposition. Nicht metaphorisch. Buchstäblich.

Sie lehnte sich gegen den Türrahmen und merkte, dass ihre Hände zitterten.

Buchstäblich, wiederholte der Verstand, als müsste er sich selbst überzeugen.

* * *

Die Straße schrieb sich um.

Das war der Moment, in dem ihr Verstand aufhörte, Schubladen anzubieten.

Es geschah langsam genug, um wahrgenommen zu werden, und schnell genug, um es nicht aufhalten zu können: Die Pflastersteine zur ihrer Linken verschoben sich, ordneten sich neu, wechselten die Schicht. Was Sekunden zuvor Gegenwart gewesen war, wurde Vergangenheit. Was Vergangenheit gewesen war, schob sich in einen Raum, für den es keinen Namen gab. Die Gebäudefronten fließen neu – nicht physisch, nicht laut, kein Rumpeln, kein Staub –, sondern so still und vollständig wie eine Überblendung im Kino.

Miriam hob den Fuß, um einen Schritt nach vorne zu tun, und setzte ihn auf Pflaster, das gerade eben noch nicht da gewesen war.

Sie blieb stehen.

Sie schaute auf ihren Fuß.

Sie dachte: Wenn der Boden sich verändert, während ich stehe, dann bin ich nicht sicher, dass ich morgen noch weiß, wo ich heute gestanden habe.

Es war der präziseste Gedanke, den sie seit dem Experiment gehabt hatte. Es war auch der beängstigendste.

* * *

Die Hauswand.

Sie fiel ihr auf, weil sie sich nicht umgeschrieben hatte. Inmitten des Fließens und Schichtens um sie herum war diese eine Wand geblieben, was sie war – eine alte Brandmauer aus roten Ziegeln, verwittert, mit den Spuren von Feuchtigkeit und abgeplatztem Putz.

Auf der Wand stand Schrift.

Handschrift. Mit Kreide oder etwas Ähnlichem, in großen, schrägen Buchstaben, die sie sofort erkannte.

Sie erkannte sie, weil sie ihre eigene Handschrift war.

Sie hatte das R immer so geschrieben. Das geschwungene D, der Knick beim u. Sie hatte es gelernt von einer Lehrerin, die darauf bestanden hatte, dass Handschrift Charakter zeige, und sie hatte diese Schleifen behalten, weil ihr Vater sie schön fand, und ihr Vater hatte es ihr einmal gesagt und dann nie wieder, und trotzdem hatte sie die Schleifen behalten.

Auf der Wand stand:

Du hast das getan.

Miriam stand in der umschreibenden Stadt, die Hände noch immer leicht zitternd, und starrte auf ihre eigene Handschrift.

Dann las sie den Satz ein zweites Mal.

Dann ein drittes.

Er änderte sich nicht.


Mehr über die starken Heldinnen in meinen Geschichten findet ihr in dieser Übersicht.

 
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Kategorien: AI Books

Isabella Buchfink

"Isabella Buchfink" ist ein Pseudonym. Ich schreibe Science Fiction, Thriller, Horror und Fantasy-Geschichten. Auf dieser Seite möchte ich nach und nach ein bisschen über mich schreiben, über meine Erfahrungen, meine Arbeitsweise, Programme und Werkzeuge, mit denen ich arbeite und so weiter. Ich lebe im Süden Deutschlands und arbeite im Realen Leben in der relativ ungefährlichen Welt der IT. Mein erster Versuch, einen Roman zu veröffentlichen, war ein Flop. Drei Bände meiner "Geschichten aus dem Transporterraum" habe ich bei einem Verlag veröffentlich und kaum ein Buch verkauft. Die nächsten Geschichten habe ich nun bei Amazon KDP veröffentlicht und kümmere mich um alles selber: Buchsatz, Korrektorat und Cover-Design. Bei zwei meiner Bücher hat meine Tochter die Illustrationen gezeichnet, bei den anderen habe ich sie mithilfe von Künstlicher Intelligenz und unzähligen Versuchen selbst erstellt.

1 Kommentar

Die vergessenen Pfade - Isabella Buchfink · 20. Februar 2026 um 9:21

[…] 1. Kapitel: Die zersplitterte Sekunde […]

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